Donnerstag, 19. Juli 2018

Kleine Sitzung in der größten Diözese der Welt


Als heute so mancher in Deutschland seine erste Tasse Kaffee trank, war unsere Sitzung der Bischofskonferenz in Irkutsk schon beendet. Meine Kollegen Mitbrüder waren alle schon gestern angereist. Ich Nachzügler landete am Morgen kurz nach 4.00 Uhr. Bischof Kyrill war selbst gekommen, mich am Flughafen abzuholen. Wir tagten im Schatten der modernen Irkutsker Kathedrale: klärten Vorgehensweisen, machten Termine aus, informierten uns gegenseitig über aktuelle Themen in unseren Diözesen. Auch der Nuntius nahm an der kleinen, nicht formalen Versammlung teil. Einige der heutigen Neuigkeiten: Nach Dublin zum Weltfamilientreffen Ende August 2018 fliegen Bischof Werth und vier Familien aus Russland, darunter: eine orthodoxe Familie. Unser Vertreter bei der Bischofssynode im Oktober in Rom wird Erzbischof Pezzi sein. Eine Jugendliche aus Russland nimmt ebenfalls teil. Zum Papstbesuch ins Baltikum fahren wir im September fast alle. Eine Begegnung mit dem Chef des Außenamtes des Moskauer Patriarchats steht an. Der Weltjugendtag in Panama (Januar 2019) ist bei uns in Russland nicht so gefragt. Datum und Kosten bremsen die meisten, die gern fahren würden. (Was auch verständlich und normal ist.)  Für jene, die Teilnehmen, gibt es einen Koordinator.
Den Gottesdienst am heutigen Abend feierten wir noch hier in der Kathedrale von Irkutsk. Ab Morgen früh nehmen wir vier Ortsbischöfe aus Russland am Jugendtreffen teil, 130 km von hier, am gegenüberliegenden Ufer des Baikals. Diesen 636 km langen Süßwassersee kann man auf jeder Weltkarte finden.

Mittwoch, 18. Juli 2018

Mehr unterwegs als zu Hause

Es ist mir fast peinlich zu sagen, dass ich schon wieder unterwegs bin. Morgen früh 4.50 Uhr Ortszeit (in Deutschland ist das 22.50 Uhr) lande ich in Irkutsk, 150 km vom Austragungsort unseres 8. Gesamtrussischen Jugendtreffens entfernt. Der morgige Tag ist unserer Bischofskonferenz reserviert, die sich zu einer Besprechung in Irkutsk trifft, dann fahren auch wir an den Baikal hinaus, um die Tage bis einschließlich Sonntag mit unseren katholischen Jugendlichen zu verbringen, die teilweise mit dem Auto!!! angereist sind, darunter drei Fahrzeuge aus dem Bistum Sankt Clemens. 5.614 km im Kleinbus sind es zum Beispiel für die Jugendgruppe aus Taganrog gewesen, die in der vergangenen Nacht in Irkutsk eingetroffen ist.

Goldene Medaille für Lernergebnis

Natascha hat es geschafft! Sie hat die 11. Klasse (Abitur) mit "ausgezeichnet" und der Goldenen Medaille abgeschlossen. Das ist das bestmögliche Lernergebnis, das man erreichen kann. Natascha ist ehrgeizig und intelligent. Die Schwierigkeit vor einigen Jahren bestand darin, dass sie in einem unserer armen Dörfer lebte, in dem vieles nicht so geht, wie es sollte und könnte, sowohl in der Schule, als auch zu Hause. Darum wohnte sie bei uns. Nun stehen ihr viele Türen offen. Sie aber möchte erst einmal ein Freiwilliges soziales Jahr machen und dann weitersehen. Mit ihr gemeinsam möchte ich besonders unseren Schwestern in Marx danken, deren Verdienst an diesem schönen Ergebnis unübersehbar ist. 

Dienstag, 17. Juli 2018

Sommerpraktikum

Theologiestudenten, die Priester werden wollen, haben bei uns jeden Sommer ein Praktikum zu absolvieren. Ein Monat Praktikum, ein Monat Ferien. Diesmal hat die Pfarrei in Saratow das Glück, einen solchen jungen Mann bei sich beherbergen zu dürfen. Denis, der gerade sein 4. Studienjahr in Ars (Frankreich) abgeschlossen hat, wird bis zum 19. August bei uns bleiben. Zum Praktikum gehört ein gemeinsamer Tagesplan mit den hier tätigen Priestern, der mit den Laudes (Morgengebet) beginnt. Tagsüber begleitet Denis den Pfarrer bei seinen pastoralen und sozialen Aufgaben oder bekommt eigene Aufgaben. Der Anfang gestern war emotional nicht ganz einfach: Gestern wurde eine Frau aus unserer Pfarrgemeinde beerdigt, die allen gut bekannt war. Sie war auf einem Fußgängerschutzübergang überfahren worden, von einem Autofahrer, der das vor ihm bremsenden Fahrzeug überholte. 
Denis hat nun noch zwei Jahre Studium vor sich, und ein Jahrespraktikum, bevor er - so Gott will, ... und Denis auch - zum Priester für unser Bistum Sankt Clemens in Saratow geweiht wird. 

Montag, 16. Juli 2018

Damals war es gefährlich

Ich möchte heute auf ein Foto zurückkommen, das eigentlich vorgestern hier her in das Blog gehört hätte, denn vorgestern vor 40 Jahren wurde es aufgenommen. Was ist darauf zu sehen? Acht junge Ordensschwestern, stehend, bzw. kniend um einen Tisch herum, auf dem ein Kreuz steht. Das waren die ersten jungen Berufungen in die zwei Jahre vorher, heimlich in Karaganda eingetroffene Ordensgemeinschaft der Dienerinnen Jesu in der Eucharistie. Alle acht jungen Frauen sind Kinder russlanddeutscher Familien. Das Bild entstand am Tag ihrer ersten Gelübde (Versprechen von Gehorsam, Armut und Keuschheit, vorerst für ein Jahr). Ein so intensives, gemeinsames geistliches Leben, wie es Ordensregeln vorschreiben, war in der UdSSR nicht erlaubt. Im Gegenteil, diese jungen Frauen haben noch am eigenen Leibe erlebt, was es heißt, für seinen Glauben verfolgt zu werden. Das Foto existiert heute, Gott sei dank, als Ganzes. Damals hatten es die Schwestern zerschnitten. Jede nahm nur ihr eigenes Portrait mit nach Hause, damit bei einer eventuellen Kontrolle nicht andere mit "aufflögen". Auch den Habit, das Ordensgewand, trennte jede nach dem Gottesdienst wieder auf und legte ihn als Stück schwarzen Stoff in eine Schublade im Schrank. Heute kann man das erzählen... 
Sechs der acht haben sich später durch "ewige Gelübde" auf diesen Weg der Christusnachfolge festgelegt. Sie leben heute in Sibirien, in der Ukraine und in Deutschland. Der Herr möge sie beschützen und seine Kirche durch ihr wunderbares Zeugnis segnen. 

Sonntag, 15. Juli 2018

Für uns sind 20 Jahre ein Jubiläum

Häufig kehrte ich an diesem Wochenende in Gedanken 20 Jahre zurück. Das war damals meine erste Reise ans Schwarze Meer. Pater Bogdan, der einstige Pfarrer, war einer der beiden Priester, die mich rechts und links während der Liturgie der Bischofsweihe begleitet hatten. Ihn hatte ich darum gebeten, weil er in seiner Person die Priester der Südhälfte vertrat. (Die der anderen, mir besser bekannten Hälfte, vertrat Pater Johannes aus Alexejewka.) 
Sotschi feierte nun also den 20. Jahrestag der Kirchweihe. Am Anfang der Messe zählte der heutige Pfarrer einige besondere Ereignisse dieser Zeit auf, zum Beispiel vier Pastoralkonferenzen des Bistums, eine Diakonenweihe, eine Primiz, den Besuch des armenisch-katholischen Katolikos etc. Die mit ca. 170 Gläubigen dicht gefüllte Kirche "atmete" durch offene Türen und Fenster die vom lauten Dauerregen ein wenig abgekühlte, feuchte Meeresluft. Sieben junge Erwachsene empfingen die Firmung. Als wir direkt im Anschluss an die zweistündige Messe ein gemeinsames Foto mit Ihnen machten, hob der Geräuschpegel in der Kirche auf Marktplatzniveau an, denn kaum einer wagte sich in den Regen auf die Straße. 
Ein wenig südliches Temperament ist vielen anzumerken. Trotz meiner an zwei Händen abzuzählenden Kurzbesuche in der Gemeinde, kenne ich hier viele, denn sie sind aktiv im Bistum über die Grenzen ihrer Pfarrei hinaus. 
Erst als fast alle nach Hause gegangen waren, lud Pater Ireneuz, der heutige Pfarrer, zu einem Spaziergang ans Meer ein. Die Straßenlokale lockten mit der Direktübertragung vom Endspiel der Fussball-WM. Der Regen hatte nachgelassen. Mit einem leicht turbulenten Nachtflug kam ich bis Moskau, von wo es 6.55 Uhr weiter nach Saratow gehen soll. Ich wollte nicht später fliegen, weil Mittwoch die nächste große Reise ansteht. (P.S. Dass diese Nacht die Zeit heftige Unwetter über Südrussland war, erfuhr ich einen Tag später aus den Nachrichten.)

Außenstation Adler

Weil der große Festgottesdienst erst um 12.00 Uhr beginnt, waren wir schon am Morgen zur Außenstation nach Adler gefahren. Dort waren heute wenige zur Messe gekommen, weil viele lieber ins Stadtzentrum fahren, heute zumindest. 40 km zur Kirche? Ein Klacks. 

Samstag, 14. Juli 2018

Mein erster Altar

Zum subtropischen Wetter gehören auch heftiger Regen und Gewitter. Das bekamen wir heute zu spüren. In Sotschi ist alles bereit für die morgige 20-Jahr-Feier der Kirchweihe. Es war damals die erste Kirche, die ich - etwa einen Monat nach meiner Bischofsweihe - weihte. Besonders an den Altar erinnere ich mich. Das runde Foto in der Mitte wird dieser Tage 20 Jahre alt. Solche "Jubiläen", wie es bei uns viele zurzeit gibt und demnächst geben wird, lassen auf ein lebendiges Stück Kirchengeschichte zurückschauen. Bistumsgeschichte. Die Abendmesse in der geschmückten Kirche, die auf den Titel der beiden Apostel Simon und Judas Thaddaeus geweiht ist, war heute der Auftakt zum Fest. Später sprach ich mit den beiden jungen Männern, die hier im Pfarrhaus wohnen und sich auf den Eintritt ins Priesterseminar vorbereiten. Den Abschluss für heute bildete eine Runde mit den Priestern und der Online check in für meinen Rückflug in der Nacht zum Montag. 

Umsteigen

"Aus dem Leben im Bistum Sankt Clemens..."? Manche Einträge passen nicht unter die Überschrift. Zum einen scheint das ein Zeichen dafür, dass ich mich "als Bischof" doch in anderen Kategorien bewege, als unsere einfachen, guten Leute, zum anderen, dass man heute nicht mehr so einfach über alles schreiben kann. Über die Mutter, die ihr ungeborenes Kind verloren hat, weil sie nicht rechtzeitig mit der schweren Arbeit aufgehört hat, aus Angst, den einzig möglichen Arbeitsplatz zu verlieren, über die Kinder, die ins Heim kommen, weil die Mutter die Familie verlassen hat und der Vater zu wenig Wohnraum hat, um sie zu behalten, über den nicht ausgeräumt Traum vom Altersheim, ... Stattdessen einen Samstagvormittagsgruss aus Moskau! In einer Stunde geht es weiter nach Sotschi, keine typische Pfarrgemeinde im Bistum Sankt Clemens: Der Platz um die Kirche reicht nicht für die vielen Autos der Gottesdienstbesucher, im subtropischen Klima am Schwarzen Meer, wo nach der Fussball-Weltmeisterschaft nun bald wieder ein Formel-1-Rennen ansteht.