Samstag, 25. Januar 2020

Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. (Mt 16,18)

Es ergab sich, dass ich heute viermal an der ehemaligen katholischen Kathedrale in Saratow vorbei ging. Noch nie ließ mich das gleichgültig in den vergangenen 29 Jahren, auch wenn mir seit langem klar ist, dass wir praktisch keine Chance auf das Gebäude haben. Nur noch ganz wenige Elemente der Bausubstanz lassen den einstigen Kirchbau durchschimmern. Wenn man auf dem Foto genau hinsieht, erkennt man ockerfarbene Rundungen, die mit Fenstern im vorderen Bereich von Sankt Clemens zu tun hatten.
Ich schreibe diesen Eintrag am Saratower Flughafen, wo ich auf Bischof Adelio aus Karaganda warte. In seiner Bischofsstadt ist Gertrude Detzel am 16. August 1971 gestorben. Morgen eröffnen wir hier in Saratow den Prozess, der, hoffentlich nicht in allzu weiter Ferne, zu ihrer Seligsprechung führen möge. Sie ist nicht nur ein lebendiger Stein im Bauwerk der Kirche, sondern ein Edelstein. 

Freitag, 24. Januar 2020

Zum Abend hin

Franz von Sales, ein interessanter Heiliger, den wir heute gefeiert haben, besonders nach Dienstschluss, am Abend in der Kathedrale. Anschließend waren Pater Diogenes, unser Gast, Pater Sergej, und ich von Männern aus der Pfarrgemeinde zum Abendessen eingeladen. Auf dem halbstündigen Heimweg durch das beinahe menschenleere Stadtzentrum, blies uns ein eisiger Wind um die Ohren.
Möglicherweise weil gestern Einsendeschluss für die Antworten des Online-Fragebogens zum Synodalen Weg in Deutschland war, fühlte ich mich provoziert. Vielleicht bin ich in diesem Falle überempfindlich für Manipulation. Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache, denn mir scheint es, als ob die Fragesteller schon zu weit vom Krisenherd entfernt sind, um ihn noch ahnen zu können. 

Donnerstag, 23. Januar 2020

Notiz am Mittag

12.00 Uhr mittags. Ich verlasse das Büro, um zu erledigen, was gestern nicht zustande kam. (Nachtrag: Ich war wieder umsonst dort. Zweieinhalb Stunden vor Dienstschluss war schon keiner mehr da.) Am Abend erwarte ich zwei unserer Priester, die heute über 900 km auf winterlichen Landstraßen zurücklegen. Einer von beiden deutete an, dass er zumindest 200 km der Rückfahrt schon für den späten Abend plant. (!?)

In Marx treffe ich heute den Jesuiten-Pater Anthony aus Kirgisien, der dort Exerzitien für eine Gruppe von Ordensschwestern begleitet. Wir haben uns schon lange nicht gesehen.
Von einem sehr hilfsbereiten und interessierten Gast aus der Schweiz werde ich mich heute dort verabschieden. Er kehrt übermorgen, wie es scheint, mit einer Vielzahl von Eindrücken nach Hause zurück. 

Mittwoch, 22. Januar 2020

Selig seid ihr, wenn...

Es ist wieder einmal an der Zeit, dass ich beim Migrationsdienst Auskunft über meine Anwesenheit gebe(n muss). Als ich heute Mittag endlich mit allen Papieren vor der entsprechenden Tür stand, wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass heute keine Sprechstunde sei. Ich hätte mich natürlich vorher erkundigen können. Dreißig Jahre in Russland, und ahne nicht, dass Mittwoch zu sein kann! :-) Morgen fahre ich nochmal hin.
Mit wachsender Freude bereiten wir uns auf den kommenden Sonntag vor, an dem in unserer Saratower Kathedrale der Seligsprechungsprozess für Gertrude Detzel (1904-1974) eröffnet wird. Ab morgen kommen Gäste. (Foto: Bildchen für's Gebetbuch haben wir hier drucken lassen.)
Parallel - obwohl mir das immer nicht so leicht fällt - denke ich an die bevorstehenden "Tage des gottgeweihten Lebens" (Bistumstreffen der Ordensschwestern), die vom 4.-7. Februar traditionsgemäß in Marx stattfinden werden. Auch da schwingt eine gute Portion Vorfreude mit, denn diese jährlichen Treffen sind beseelt vom Geist geschwisterlicher Liebe.
Morgen ist der 5. Todestag meines Vaters. Von verschiedenen Seiten hörte ich heute, dass man sich dankbar an ihn erinnert, an seine Hilfe, an seinen Humor, an seine Stimme... 

Dienstag, 21. Januar 2020

Vor allem: Dank

Gerade bekam ich die traurige Nachricht, dass Bruder Beat unser Bistum verlässt, schon übermorgen.
Wer das ist? Im Frühling wären es 20 Jahre geworden, dass er bei uns ist, im äußersten Zipfel des Bistums: Alexejewka, Baschkortostan. Still, fromm und fleißig wie der heilige Josef, hat der gebürtige Schweizer dort seit dem Jahr 2000 gewirkt. Es fällt mir schwer, mir Alexejewka ohne ihn vorzustellen. 
Danke, lieber Bruder Beat, für Dein schönes Zeugnis, weit ab von den Zentren der Welt, im Zentrum der Aufmerksamkeit Gottes ("und der Gottesmutter" - würdest Du hinzufügen, wie wir Dich kennen). Wichtiger und gerechter als "Schade!" ist es nun aber zu sagen "Dank sei Gott!" 20 Jahre seines Lebens, "die besten", hat uns Bruder Beat geschenkt.

Das übliche Bild

Die 17-stündige Bahnfahrt entwickelte sich nicht zur erholsamen Pause, wie ich erhofft hatte. Ob es nun daran lag, dass der Wagon älteren Typs war und hinter der Wand irgendwelche Schrauben oder Bleche quietschten? Oder ob die Wagonreinigungsstufe, die vermutlich auch älteren Standards unterlag, daran schuld war? Hitze scheint hier in Zügen wie in Flugzeugen als Zeichen von Wohlstand verstanden zu werden. Das Zugbegleitungspersonal jedenfalls war superfreundlich. Als wir Saratow mehr als eine halbe Stunde vor der Ankunftszeit erreichten, blieb der Zug in einem Randbezirk stehen und rollte fahrplanmäßig 5:13 Uhr ein. Ich nahm ein Taxi nach Hause. Billiger als einfach eins von denen nehmen, die dastehen, ist es, ein Taxi telefonisch zu bestellen. Nach drei Minuten konnte ich einsteigen und für umgerechnet 1,31 Euro nach Hause fahren. Im Preis inbegriffen war ein Kunststück des Fahrers: In jeder seiner beiden Hände hielt er ein Handy und schrieb SMS, ohne eine einzige Ampel zu übersehen. Beim Öffnen des Fensters in meiner Wohnung ergab sich der gewohnte Blick (Foto), während dessen ich den Beschluss fasste, heute eine Stunde später auf Arbeit zu gehen. Es ist schon Dienstag! Die Wochenenden in den Gemeinden (einschließlich Wege) sind häufig länger als die verbleibenden Tage im Büro.
Nun heißt es wieder einmal Prioritäten setzen: Ich habe eine Zeit-verschlingende Aufgabe aus der Nuntiatur im Gepäck. Unaufschiebbar ist eine jährliche Dokumentation über meine Anwesenheit, meine Arbeit und meine Auslandsreisen, die ab diesen Jahres im Januar bei der Meldebehörde vorzulegen ist. Ab Freitag haben wir Gäste, die zur Eröffnung des Seligsprechungsprozesses von Gertude Detzel anreisen. Das sind praktisch die Prioritäten. 

Montag, 20. Januar 2020

Tschüß Kazan!

So, nun geht's nach Hause. 17 Stunden Bahnfahrt... mit einem Zug, der vorgestern Abend in Nizhnevartovsk abgefahren ist und morgen Mittag in Wolgograd ankommt. 

Sonntag, 19. Januar 2020

Tatarstan und Mari El

Natürlich war der Sonntagsgottesdienst der Punkt, auf den mein Pastoralbesuch hinstrebte. Ohne Firmung oder anderer Besonderheiten, einfach Sonntag in Heiligkreuz, Kazan. Fotos, Mittagessen, Gespräche...
Dann, am späten Nachmittag fuhren wir in die Nachbarrepublik Tatarstans, nach Mari El. Auf meinen Wunsch hin, feierte ich auch dort, nämlich in Wolzhsk, Eucharistie, und zwar in der Wohnung eine 92-jährigen Russlanddeutschen. Im Gehen ist sie stark eingeschränkt, im Kopf aber ist alles in Ordnung und voller Interesse. Sie spricht gut Deutsch. Außer Ihrer Tochter, mit der sie in der Wohnung lebt, waren da drei Männer aus der 56.000-Einwohner-Stadt und eine Frau, die 60 km mit dem Bus gefahren war, um zur Messe zu kommen. Es war so eng, dass ich mich zum Predigen setzte. Diese Eucharistiefeier hatte einen ganz besonderen Charakter, zu dessen Beschreibung Freude und Einfachheit passen. In den 21 Jahren, die ich Bischof im Süden des europäischen Russlands bin, war dies erst mein zweiter Besuch in Wolzhsk. Was ich am Rande zum erstenmal hörte: Man liest hier in meinem Blog. 

Samstag, 18. Januar 2020

Kazan von früh bis spät

Die Gebetswoche um die Einheit der Christen begannen wir mit einer ganz kleinen Wallfahrt zur Ikone der Kazaner Muttergottes, die 1928 ihre Odyssee über Portugal und Amerika in die Wohnung von Papst Johannes Paul II. begann, bevor der sie nach Russland zurück schenkte und sie noch ein Jahr von Patriarch Alexej II. aufbewahrt wurde und dann schließlich und feierlich nach Kazan gelangte, wo nun das Kloster wiedererrichtet wird, das am Platz ihrer Auffindung stand.
Viele Begegnungen und Gespräche füllten den Tag "bis zum Rand".