Dienstag, 31. März 2020

Keine zwei Wochen mehr bis Ostern

Abermals habe ich in dieser ungewöhnlichen Fastenzeit einen Brief in unsere Pfarrgemeinden und an die Gläubigen in der weiten Diaspora Südrusslands geschrieben, mit der Bitte, ihn weiterzureichen. Es kamen auch schon Antworten. Postwendend. Man spürt, dass sich viele Sorgen machen und allein fühlen. 
Die heutigen Frühlingsfotos von Pater Ondrej am Asowschen Meer, werden mehr oder weniger die letzten sein. Denn die unter Strafe gestellt Selbstisolierung der gesamten Bevölkerung ist in Kraft getreten. Mich wundert, vorsichtig ausgedrückt, dass Kirche (Seelsorge, Besuche von Kranken und Sterbenden) nicht unter notwendige Dienste fällt. Wenn das so bleibt, kommen wir nicht zu den Menschen, auch wenn sie meistens an ganz anderen Sachen leiden und sterben, nicht aber am Corona-Virus. Morgen ist mein letzter Tag in Quarantäne. Dann will ich mal sehen... 

Montag, 30. März 2020

Nicht aus dem Blick verlieren

Nach 11 Tagen wieder auf die Straße zu gehen, dass war ein interessantes Gefühl heute Morgen. Ich sollte mich um 9.00 Uhr in der Saratower Poliklinik Nummer 14 melden, wo man sich für mein Blut und zwei Abstriche interessierte. Innerhalb von drei Tagen kommt nun das Ergebnis: entweder keins (Stille), dann darf ich die Quarantäne am 2. April verlassen, oder ein ungünstiges, dann würde ich abgeholt, erklärte mir die freundlichen Krankenschwester. Neben mir saß dort im Korridor eine sichtlich herzkranke Frau, die von ihrer Tochter gebracht worden war. Auch als ich ging, saß sie noch da, als ob sie wartete. Dabei hatte man ihr längst gesagt: "Ihre Ärztin ist unerwartet in den Urlaub gefahren." (Kein Wort mehr. Und so saß sie da.) 
Ein Vater dreier Kinder, jüngst arbeitslos geworden, geht täglich mit einem selbstgebastelten Metalldetektor in die Wälder am Stadtrand und sucht Schrott. Letzte Woche hat er 80 kg ausgegraben, wofür er 9,60 Euro bekam. 
Unsere guten Großmütter kommen jetzt vielerorts nicht mehr zur Kirche, um sich nicht anzustecken. Gleichzeitig lassen sich jedoch manche anstecken von den nicht bestätigten Meldungen darüber, wo überall Coronainfizierte aufgetaucht seien. Begleitet werden solche unnützen Nachrichten dann auch noch von Schuldzuweisungen: "Die Ausländer" hätten das Virus gebracht. Die Panik so frommer Frauen zu bremsen ist gar nicht so einfach. 
Eine Mutter, knapp über 30, läuft derzeit von Arzt zu Arzt, um eine Diagnose und dann Hilfe zu bekommen. Sie traut sich nicht in die Poliklinik, wo sie kostenlos untersucht werden würde, weil sie Angst hat, sich dort anzustecken. Ihr kleinstes Kind ist noch kein Jahr alt. Nun geht ihr das Geld aus, bevor der Grund ihrer möglicherweise schweren Erkrankung gefunden ist.
Gestern wurden in vielen Kirchen die Kreuze und Christusfiguren verhüllt, damit wir wieder Sehnsucht nach ihm bekommen, wie eine alte Tradition sagt. Eventuell ist auch die Corona-Pandemie ein Schleier, der zwar äußerlich den Blick auf die anderen oft verdeckt, aber innerlich neue Sehnsucht nach den "Mitmenschen", Brüdern und Schwestern weckt?
Und P.S. noch eine Art Eilmeldung hinterher: Ich wollte gerade mal schauen, ob die Ausgangssperre bei uns möglicherweise schon morgen oder übermorgen kommt. Da steht in den Nachrichten: ab sofort. Erlaubt sind noch unaufschiebbare Arztbesuche, ins nächstgelegene Lebensmittelgeschäft, zur Arbeit (prima!), zum nächstgelegenen Müllkübel und 100 m mit dem Hund, wenn man einen hat. 

Samstag, 28. März 2020

Stürmische Zeit

Ein Obdachloser geht mit vollen "Einkaufstaschen" vom
Müllkübel in unserer Straße nach Hause 
Was kann ich groß sagen, am 10. Tag meiner verpflichtenden Präventivquarantäne, (wegen eines kurzzeitigen Aufenthalts in einem sog. Seuchengebiete)? Trotz aller Nachrichten, Anrufe und - besonders - Kurzmitteilungen, scheine ich hier oben im 6. Stock meiner Wohnung ein wenig den Kontakt zur Basis verloren zu haben, das Gespür für Angst und Ungewissheit, von denen derzeit viele regelrecht überfallen werden. Manches von dem, was beunruhigt, will ich hier besser nicht schreiben. "Wir sind nur Gast auf Erden", und noch konkreter. Jedenfalls kam ich gestern Abend, nachdem ich mich mit dem Generalvikar beraten hatte, zu dem Entschluss, auch bei uns die Sonntagspflicht aufzuheben und an Not-Alternativen zu arbeiten. Was das bedeutet und was sonst noch alles daran hängt, will ich hier nicht erklären. Es würde nur zu Vergleichen führen, die nichts bringen. Gestern mußten die Regionalregierungen (im Bistum gibt es 26 davon) Vorschriften für die bevorstehende gesamtrussische arbeitsfreie Woche herausgeben. Es schmerzte, von "religiösen Objekten" zu lesen, die in eine Reihe mit Fitnessclubs, Kantinen und Badehäusern gestellt wurden, die zu schließen sind. Meist war die Formulierung uns gegenüber etwas vorsichtiger: Es wurde "empfohlen"...  Hier jedoch noch in einem weiten Sinne zu deuten, wäre in mehrfacher Hinsicht unklug. 
Ich habe die Pfarrer gebeten, für ihre Gemeinden erreichbar zu sein, aber auch darum, dass sie sich nicht zuviel zumuten. Wichtig sei, dass sie untereinander in gutem Kontakt bleiben. Meine Handynummer haben alle. Derzeit weiß ich das kommende Gesprächsthema gewöhnlich schon in dem Moment, wenn das Telefon klingelt. Meistens! Heute kam ein unerwarteter Anruf: "Gibt es das Kuhprojekt noch?" wollte ein Kapuziner wissen.
Zurzeit liegen ein Priester und eine Ordensschwestern aus unserem Bistum unter Beobachtung im Infektionskrankenhaus. Alle dortigen Gemeindemitglieder werden jetzt untersucht. Wir beten. 

Donnerstag, 26. März 2020

Schwestern in einem weit tieferen Sinn

Seit vielen, vielen Jahren helfen die Benediktinerinnen von Mariendonk Ordensschwestern in Russland, still und treu. In den Nachrichten von Radio Vatikan habe ich ein Interview mit der derzeitigen Äbtissin, Mutter Christiana, gelesen, das ich gern weiterempfehlen möchte. Hier der Link dorthin.
Die Abtei Mariendonk gehört zum Einzugsbereich von Grefrath, etwa 40 km nordwestlich von Düsseldorf.
Foto: Radio Vatikan.

Übrigens gibt es auch andere Schwesterngemeinschaft in Deutschland, die Ordensschwestern hier bei uns unterstützen. Ich weiß z.B. von den Ursulinen in Erfurt, den Missionsschwestern vom heiligen Namen Mariens im Kloster Nette und den Thuiner Franziskanerinnen. Hilfe werden in naher Zukunft viele brauchen, besonders (jetzt schon) arme Menschen. Möge die Solidarität in all dem Trubel nicht irgendwo auf der Strecke bleiben, weder wegen "Herzverengung", noch wegen blockierter Wege.  

Mittwoch, 25. März 2020

Jahr Mariens, der Mutter des Wortes

"Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Das sind Worte vom Anfang des Johannesevangeliums, die wir jedes Jahr am ersten Weihnachtsfeiertag lesen, denn es geht um die Menschwerdung Gottes, um Jesus Christus, seinen Sohn. Seiner Mutter Maria ist nun in der katholischen Kirche Russlands ein ganzes Jahr gewidmet. Und ebenso, wie auf ostkirchlichen Marienikonen nie der Sohn fehlen darf, so spielt er auch in diesem Jahr eine wesentliche Rolle. Es möge uns näher an sein Evangelium und die Heilige Schrift insgesamt führen. 
Das thematische Jahr beginnt heute in unseren vier Diözesen und wird am 25. März 2021 enden, eben am Tag, an dem wir die Menschwerdung Gottes feiern, den Tag, als der Engel bei Maria eintrat und sagte: Fürchte dich nicht. An jenem Tag, in genau einem Jahr, wird an der Verkündigungskirche in Nazareth ein Mosaik angebracht werden, das eine Mariendarstellung aus Russland (Sankt Petersburg) wiedergibt, eine Ikone der Gottesmutter von Fatima. Kopien dieser Ikone werden ab heute zu den Familien pilgern, in allen vier Bistümern. Jeden Sonntag wird die Ikone in jeder Pfarrei weitergegeben und bleibt dann jeweils sieben Tage in einer Familie. Dazu gibt es Anleitungen für einen täglichen kleinen Hausgottesdienst. Mit einer Kollekte im Laufe des ganzen Jahres, wollen wir zumindest einen Teil der Arbeiten in Nazareth finanzieren. (Das Mosaik wird dort vorbereitet.) 

Dienstag, 24. März 2020

Spuren sieht man nur im Nachhinein

Im Rückblick ist es meistens leichter, die Spuren Gottes zu entdecken, als im gegenwärtigen Moment. Dieser wiederum ist für Menschen, die an einen barmherzigen Gott glauben, von Hoffnung bestimmt. Wir hoffen, dass das Übel der Corona-Epidemie vorübergeht und dass, trotz aller schmerzlichen Verluste, auch etwas Gutes dabei herauskommt, zum Beispiel im Bereich von Verständnis und Vertrauen, da, wo sich Menschen oder gar Völker auseinandergelebt haben. Es klingt ein wenig idealistisch und liegt doch in Menschenhand, zum Teil auch in unseren Händen. Als verstand- und gewissen-begabte, erwachsene Menschen können wir uns nicht davon dispensieren. "Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens..."  Diese kurzen Gedanken kamen mir, als ich Pater Ondrejs (rechts) Foto anschaute, dass er mir in Verbindung mit dem vergangenen Sonntag Laetare zukommen ließ.
Morgen ist das Hochfest der Verkündigung des Herrn. (Hochfeste fangen schon am Vorabend an, mit dem Gebet der Vesper.) Dieses Fest ist der Ursprung des Gebets zum Glockengeläut (früh, mittag und abend): Der Engel des Herrn. Der Angelpunkt der Menschheitsgeschichte, die Wende. Frohes Fest!

Montag, 23. März 2020

Es wird auch wieder Frühling werden

Einer unserer jungen Männer auf dem Weg zur Priesterweihe schickte mir heute, kurz nach Mitternacht, eine Kurzmitteilung, dass es ihn doch nun wohl auch erwischt hätte: trockener Husten, Fieber...  Am Morgen kam die Sorge um einen Priester mit Lungenentzündung dazu.
Planungen und Projekte waren heute "auf Null zurückzusetzen", um neu anzufangen, anders. Und nicht immer ist gleich klar, wie denn überhaupt. Eine ungewöhnliche Zeit!
Winter und schulfrei passen derzeit gut zusammen. Das nach draußen Gehen ist zum Glück nicht verboten, jedenfalls nicht allen. ;-)  ... wie zum Beispiel hier in Marx. (Foto)
Ein Eintrag auf dem Kalender unserer verstorbenen Mutter erinnerte mich heute daran, dass vor 22 Jahren um 12.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit auf Radio Vatikan mitgeteilt wurde, dass Papst Johannes Paul II. den Steyler Missionar Jerzy Mazur und mich zu Bischöfen ernannt hatte. An jenem Montag war ich in Kasachstan. Die von Radio Vatikan haben mich trotzdem gefunden und fragten in einem Telefon-Interview, was meine Pläne, Schwerpunkte usw. seien. Ich stammelte etwas zusammen, denn mit Gedanken an die "neue" Zukunft hatte ich mich noch nicht angefreundet.