Mittwoch, 22. Februar 2017

Onkel Toli

So nannten wir ihn alle: Onkel Toli (von "Anatolij", wie er eigentlich hieß). Gestern Nacht war er gestorben. Heute war die Beerdigung. Zum Requiem am Mittag war ich nach Marx gefahren. Seit ich die Pfarrgemeinde kenne (1991), kannte ich auch ihn. Er gehörte sozusagen zum lebenden Inventar, hat die Kirche mit gebaut, jeden Winter Schnee geschaufelt, vergangen Mittwoch zum letzten Mal. Ich hatte es erwähnt. Er kam seit dem Tod seiner Frau fast jeden Tag zur Kirche. Anatolijs Frau Regina war vor 14 Jahren verstorben. Ich besuchte auch sie kurz vorher im Krankenhaus. Damals war gerade der MDR hier bei uns, um seinen Film "Der gute Mensch von Saratow" zu drehen. (Siehe linke Blogspalte.) 
Die Kirche war heute Mittag gefüllter als sonntags. In der ersten Reihe beteten Anatolijs Söhne, in der zweiten und dritten die Ehefrauen und Enkel. Viele, viele kannten ihn. Die römischen Ursprünge des heutigen Festes der Kathedra Petri (ein Stuhl für den Verstorbenen beim Totengedenken) dienten mir als Predigtansatz, den ich versuchte bis zum Platz an Jesu Seite zu entfalten. Der Platz des geliebten Jüngers Johannes möge heute Anatolij gehören, am/im Herzen Jesu.

Dienstag, 21. Februar 2017

Wir gratulieren ...


Nein, nicht dem Papst! Der war am 17. Dezember letzten Jahres 80 geworden. Aber Pater Reinhard, Reinhard Doleschal aus dem Bistum Magdeburg, seit 5 Jahren zu 50 % bei uns in Russland, hat heute Geburtstag! Eine große Freude für uns alle, dass er hier ist.


Montag, 20. Februar 2017

Taufe mit 16

Wenn Kinder getauft werden, ist das immer etwas Herz-Erfreuendes, wenn sich aber Jugendliche taufen lassen, dann ist da etwas noch Schöneres daran: die persönliche Entscheidung nach einem Weg. Lilit wurde gestern in Marx im Ritus ihres armenischen Volkes getauft. (Etwa 10 % der Armenier gehören der armenisch-katholischen Kirche an.) Dazu war eigens der einzige armenische Priester unseres Bistums angereist. Er lebt 1260 km von Marx entfernt, in Krasnodar. Dass er in der Nähe war, hatte aber auch andere Gründe: am Wochenende hielt er einen Teil der Vorträge bei der "Glaubensschule" in Saratow. Heute und morgen besucht er Landsleute noch weiter im Norden, und Donnerstag wird er an einer Sitzung des Priesterats in Saratow teilnehmen. 
Lilits Eltern wohnen noch weiter entfernt als der Priester und konnten gestern nicht dabei sein. Ich staune, wie das Mädchen ihre Eltern überredet hat, fern von zu Hause - ohne "großen Tisch für Verwandte und Bekannte" und ohne den für Armenier so wichtigen Paten, getauft zu werden. Ich glaube, die Eltern haben ihre Tochter sehr gern. 

Sonntag, 19. Februar 2017

Sonntagnachmittag

Saratow grenzt im Osten an die Wolga, während alle Ortsausfahrten im Westen bergan auf eine Hochfläche führen. Auf jener Westseite der Stadt steht ein großes Krankenhaus für Patienten aus dem ganzen Oblast (Distrikt, Gebiet). Da besuchte ich heute einen Bekannten. Seine Frau darf bei ihm im Zimmer bleiben - praktisch: wohnen. Die Liege für sie ist jedoch keine 50 Zentimeter breit. Er ist von Hause aus Muslim. Wenn er mich heute nicht daran erinnert hätte, hätte ich schon vergessen, dass ich ihm damals, als die Großfamilie wegen eines Bürgerkriegs in der Heimat zu uns an die Wolga kam, Arbeit beim Kirchbau in Marx gegeben hatte. Beide staunten wir, dass wir schon im kommenden Jahr den 25-jährige Weihetag jener Kirche feiern können. Möge der Allmächtige ihm doch Gesundheit schenken. Dann feiern wir es zusammen. 

Samstag, 18. Februar 2017

Saratow, Puschkinstraße

Hier wohne ich. Die kleine Straße im Stadtzentrum von Saratow ist doch wohl keine 500 Meter lang. Nicht nur der Name, auch ein Denkmal des Dichters ziert die wochentags von parkenden Autos verstopfte Allee. Dass ich heute Vormittag zu Fuß unterwegs war, lag nicht daran, dass ich ein Foto für den Samstag suchte. Das kam nebenbei zustande. Eigentlich ging es darum, was wir unserem Geburtstagsjubilar (75!) am kommenden Dienstag schenken wollen. Da er auch von Zeit zu Zeit im Blog liest, kann ich nicht deutlicher werden. (-:

Hier in Saratow finden heute und morgen die letzten thematischen Vorlesungen eines Bistumsprojekts statt, das wir seit vier Jahren "Glaubensschule" nennen. Jugendliche und Erwachsene sind dazu in verschiedene, günstig gelegene Orte des Bistums eingeladen. Vorbereitet und gehalten werden die Wochenenden von speziell zu den Themen ausgesuchten Priestern und Ordensschwestern aus dem Bistum Sankt Clemens. Hinzu kommt, wie immer wieder in Diaspora-Regionen, dass die beiden Tage auch Tage besonderer Begegnung sind, sowohl in der Kirche als auch in den Quartieren, in die Gäste von außerhalb aufgenommen werden. Viele werden es bedauern, dass die "Glaubensschule" in diesem Jahr zu Ende geht. Danke jenen, die sie zustande gebracht haben, besonders Pater Pawel (früher Orsk/Orenburg, jetzt Kemerovo, Sibirien) und den Leuten von Renovabis.

Freitag, 17. Februar 2017

Die Zeiten haben sich geändert


Beinahe hätte ich hier wieder ein Abendbild eingestellt. Aber ich befürchte, das macht manche Bloggäste melancholisch. Also, da hätte ich noch eins vom Wind auf der Wolga...
Heute habe ich fast niemanden getroffen, außer meinen Computer. Korrespondenz ging hin und her. Unvorstellbar, dass - als ich hier her kam - ein Brief nach Deutschland zwei bis drei Wochen unterwegs war, und die Antwort nochmal so viel; daß man Telefongespräche anmelden mußte, nach Deutschland drei Tage vorher. Man bezahlte und gab die Gesprächsdauer an, die man für übermorgen erbat. Sogar von Marx nach Saratow wartete man eine Stunde, bis die Leitung freigeschaltet wurde. Heute fährt man da schneller selbst mit dem Auto hin. 
"Schnelllebig" nennt man das. Es hat Einfluß auch auf unser Christsein hier an der Wolga. Einerseits spüren wir, wie nötig das Kontemplative im persönlichen Glauben ist, andererseits geht genau das verloren, wenn die Kommunikationsgewohnheiten in einen höheren Gang schalten. Und irgendwie scheinen wir es gar nicht selbst zu sein. Wir sind Passagiere unserer Zeit. - Scheinbar gehört genauso viel Entscheidung zum Christsein, wie in den Jahrzehnten der Verfolgung. 

Donnerstag, 16. Februar 2017

Zwei Schreibtische - zwei Schichten (ausnahmsweise)

Nicht so gut, wenn man ein neues und ein altes Büro hat... "Umgezogen" heißt bis heute nicht, dass ich den alten Arbeitsplatz aufgegeben habe. Zwei Schichten am Tag hatte ich eigentlich nur früher in den Semesterferien gearbeitet, um das Geld für meine Russlandreisen zusammen zu bekommen. Tagsüber verging die Zeit heute viel zu schnell im "neuen Büro", nahe der Kathedrale. Ein Blick auf den Kalender machte mich dann auch noch besorgt: Nächste Woche haben wir Tagung des Priesterrates, und es kommen fünf Gäste aus Deutschland, Kurz darauf beginnt der März, in dem ich ganze 9 Tage in Saratow sein werde. Rom (Italien), Bochum (Deutschland), Sotschi (Russland) und Ars (Frankreich) stehen an. Wie es auf meinen Schreibtischen aussieht, fotografiere ich lieber nicht, besonders auf dem alten, an dem ich jetzt sitze. Hier habe ich heute Abend erledigt, was tagsüber dringend war und nicht an die Reihe kam. Telefongespräche zwischendurch brachten Nachrichten aus dem Bistum: Eine Jugendliche wurde erfolgreich operiert. Unser Kranker in Marx (siehe gestern) ist zu schwach, um in die 40 km entfernte Klinik transportiert werden zu können, wo er eigentlich hin müsste. Und das Traurigste: Der Sohn einer mir gut bekannten Familie ist heute auf der Straße erfroren. 

Mittwoch, 15. Februar 2017

Wie zu Zeiten, als ich Pfarrer war

Eingangstor zum Krankenhaus
Beim Schneeschaufeln auf der Straße war er umgefallen. Zwei Frauen aus einem benachbarten Lebensmittelladen hatten es bemerkt und riefen den Krankenwagen: Ein Mann unserer Pfarrgemeinde in Marx liegt auf der Intensivstation. Wir kennen uns gut, seit 25 Jahren. Es war abends kurz vor sechs, als ich davon hörte. Pater Bosco machte sich gerade mit Schwestern auf den Weg in eins der Dörfer im Rayon, zur Katechese. Darum fiel mir das Los zu, die Pause beim Einkehrtag im Kloster zu nutzen und zur Krankensalbung ins Kreiskrankenhaus zu fahren. Das tat ich gern. Weil heute Mittwoch ist, war die Gemeindemesse in Marx bereits am Morgen gewesen. Da war er noch ganz munter und hatte auch die heilige Kommunion empfangen. Jetzt lag der Vater von drei Söhnen, auf die Hilfe seiner Kinder angewiesen, in einem sauberen, warem Krankenzimmer. Es hat sich viel geändert, seit ich den letzten Besuch da im Kreiskrankenhaus gemacht hatte. Oder sollte die Intensivstation eine Ausnahme sein? Im Eingangsbereich saßen ungefähr 8-10 Polizisten, die Protokolle von betrunkenen Männern aufnahmen. Ich war schnell wieder zurück im Kloster. Dass ich unserem Kranken versprochen habe, für ihn zu beten, vergesse ich nicht. (20. Februar, 23.15 Uhr: Er ist vor einer Stunde gestorben.)

Sr. Halina Sklepkowska SJE verstorben

Am heutigen Mittwochmorgen haben wir in Marx das Requiem für die vorgestern verstorbene ehemalige Generaloberin der Dienerinnen Jesu in der Eucharistie gefeiert. Schwester Halina Sklepkowska hatte ihre Schwestern in Russland mehrmals während iher Amtszeit besucht. Ich erinnere mich, dass ihre Ankunft jedes Mal mit einer sehr familiären Freude erwartet wurde. Auch am Tag meiner Bischofsweihe in der Marxer Pfarrkirche war sie dabei: vor 18 Jahren standen wir nach der liturgischen Feier für ein Foto nebeneinander. Schwester Halina hatte nach dem Kreuz der besonderen Verantwortung in der Ordenleitung auch weiterhin zu tragen. Sie verstarb nach schwerer Krankheit mit 75 Jahren (57 davon in der Ordensgemeinschaft ihrer Schwestern) am 13. Februar. Der Herr hat ihr das letzte Kreuz abgenommen und möge ihr nun die Augen der Seele für die Freude öffnen, in die sie sich vor 57 Jahren glaubend geschenkt hat.



Foto: Sr. Halina Sklepkowska (links) am 7. Juni 1998 vor der Pfarrkirche "Christus König" in Marx.

Dienstag, 14. Februar 2017

Wege

Mit seiner Reise nach Saratow, hatte mir Pater Jakub den Weg zum ihm nach Sankt Petersburg abgenommen, 1.400 km! Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Aus dem einen Thema, das wir besprechen wollten, wurde drei. Mittags fuhr er mit dem Oberleitungsbus zum Bahnhof. Schade, dass er nicht zum Essen bleiben konnte. Heute war es feierlich, weil der Generalvikar Namenstag hat, denn sein zweiter Name ist Valentin. Er hatte früh in Marx zwei Stunden Unterricht im Kloster gegeben. 
Am Nachmittag verlangte dann der Schreibtisch seinen Tribut. Auf dem Weg (Foto) zur Abendmesse in die Kathedrale stürmte der Schnee ins Gesicht. Mir war klar, dass heute kaum jemand zur Kirche kommen wird. Zu acht feierten wir die Slawenapostel Cyrill und Methodius, sowie den Namenstag von Pater Diogenes Valentin. Eigentlich wollte ich wegen des heftigen Schneetreibens nicht mehr am Abend nach Marx fahren, wo morgen der monatliche Einkehrtag im Kloster geplant ist. 40 km freies Feld - das kann Verwehungen bedeuten. Als ich das der Oberin per SMS mitteilte, antwortete sie: "Gut. Machen Sie, wie Sie möchten." - Darauf konnte ich nur antworten: "Dann muss ich doch heute kommen." Kurz vor Zehn war ich da.