Sonntag, 2. August 2009

1./2. August 2009: Besuch in Orenburg

Pater Pawel, der Pfarrer, hatte mich vor einigen Monaten „auf gut Glück“ eingeladen, man könnte auch sagen: „einfach so“. Für die Gemeinde sei es immer ein Fest, hatte er damals begründet. Und weil das Wochenende mit dem Fest des hl. Alfons Maria von Ligouri, einem besonderen Tag für die hier tätigen Redemptoristenpatres, und der Termin noch frei war, sagte ich zu. Nur konnte ich die 880 km wegen des sofort darauf folgenden Priestertages in Marx nicht mit dem Auto fahren und flog über Moskau. Eine sehr alte Tupolew 154 von Moskau nach Orenburg erinnerte mich an meinen Flug vor 19 Jahren, als ich am 1. August 1990, über Leningrad einreisend, meinen Dienst als Seelsorger in der Sowjetunion begann. Noch Kilometer nach dem Start scheinen diese einstigen Zugpferde der zivilen UdSSR-Luftfahrt Gartenzäune und Wäscheleinen mitzunehmen.

Der Namen Ural ist nicht nur dem Gebirge zugewiesen, das Europa und Asien trennt, sondern auch einem Fluss. In Orenburg teilt er die Stadt, so dass man sich hier an manchen Stellen die Hand von einem Kontinent zum anderen geben kann. Hier auf dem Bild tun wir das dann auch: Links, in Asien, Pater Grzegorz, seit zwei Jahren Priester, Kaplan in Orenburg, während ich, rechts, mit beiden Beinen fest in Europa stehe. Als Papst Johannes Paul II. 1991 zwei Apostolische Administratoren für Russland ernannte, waren das Joseph Werth für den asiatischen Teil, und Thaddaeus Kondrusiewicz für den europäischen. Sie nahmen es geographisch sehr genau. Erst später hat man sich geeinigt, die politischen Gebietsgrenzen auch als kirchliche Trennlinien zu verstehen.


Sowohl am Samstagabend, als auch am Sonntagmorgen, waren viele Gläubige schon eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst in der Kirche und beteten. Die Marienkirche ist eine unserer wenigen „alten“ Kirchen, die die Sowjetunion überlebt haben. Hier war bis 1990 eine Schuhfabrik untergebracht. Heute zählt die einfache Kirche zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Täglich kommen Schulklassen und Touristen, aber auch Sinn Suchende. Die nächtliche Beleuchtung der Kirche wird von der Stadt Orenburg bezahlt. Auf dem Grundstück gibt es ein Pfarrhaus und quasi Kloster, sowie eine Bibliothek und Studienräume der Theologischen Kurse im Bistum Sankt Clemens; und nicht zuletzt: das "Cafe" (Gemeinderaum mit Küche).


Am Ende der Abendmesse segnete ich ein Bild des hl. Gerhard, der hier besonders verehrt wird und erhielt mit allen anderen den Primizsegen eines weißrussischen Paters, der Orenburg gerade mit einer Gruppe junger Leute besuchte. Diese Gruppe bestand aus Polen und Weissrussen. Sie nennt sich "Wostok" (Osten) und ist sehr interessiert am Leben der Kirche bei uns. Einige unserer heutigen Seelsorger im Bistum entstammen der Gruppe "Wostok", die schon über 20 Jahre existiert. Nochmals zum hl. Gerhard. Er ist der Schutzpatron der russisch-kasachischen Region unserer Redemptoristen. In der Gemeinde gibt es eine St.-Gerhards-Gebetsgruppe. Spontan konnte ich noch ein wenig von der "St. Gerhards-Gemeinde" in Heiligenstadt erzählen, wo ich meinen offiziellen Hauptwohnsitz in Deutschland habe. Anschließend trafen wir uns mit allen im "Cafe", wo die Leute so viele Fragen stellten, dass keiner merkte, wie schnell die Zeit verging.


Natürlich hob sich die Sonntagmesse an Feierlichkeit von der am Vorabend noch einmal ab. Typisch für unsere kleinen Diasporagmeinden ist es immer wieder, wie aufmerksam die Leute zuhören, auch noch eine volle dreiviertel Stunde nach der Messe, für die mich der Pfarrer bat, der Gemeinde aus dem Bistum zu erzählen. Man spürt und sieht die Früchte der schon über fünfzehnjährigen Anwesenheit von Priestern und Ordensleuten, nachdem Orenburg etwa 60 Jahre lang keine katholischen Seelsorger hatte. Dennoch vermißte ich recht viele Jugendliche, die hier gewöhnlich sehr aktiv am Gemeindeleben teilnehmen. Grund waren die Urlaubszeit und Ferienarbeit, wie ich später hörte.


Die Nachbargemeinde von Orenburg liegt noch 258 km östlicher, Orsk. Auch dort wirken Redemptoristen und Ordensschwestern. Es war zum ersten Mal, dass ich nicht beide Pfarreien auf einem Weg besuchte.

Nun kehre ich heim, in der kleinen Hoffnung, dass doch noch jemand seinen Flugschein zurückgibt und ich einen Platz in der Moskauer Abendmaschine nach Saratow bekomme. Ansonsten muss ich dort bis morgen früh warten und komme gleichzeitig mit den ersten Gästen zum Priestertag in Saratow an.

Orenburg, Flughafen, 18.00 Ortszeit