Donnerstag, 20. August 2009

Gefunden in der "Leipziger Internetzeitung" vom 20.08.09


Gottesdienst zwischen Wolga, Wodka und 60 Grad Frost: Ein Deutscher – Bischof in Russland
Von Ralf Junke

Es hätte auch "Ein Sachse – Bischof in Russland" heißen können. Oder: "Ein Ostdeutscher – Bischof in Russland". Es ist mit der Titelei für ein Buch, in dem Ländergrenzen überschritten werden, nicht so einfach. Gerade wenn ein sehr persönliches Schicksal dahinter steckt, das 1990 einsetzt. Da gab's die DDR noch.

Und Clemens Pickel, 1961 in Colditz geboren, seit 1988 geweihter Priester und in Kamenz als Kaplan tätig, bat seinen zuständigen Bischof, Joachim Reinelt in Dresden, ihn für eine gewisse Zeit für den Dienst in Russland freizustellen. Ein mehr als mutiger Schritt. Denn praktisch war die katholische Kirche seit den Stalinschen "Säuberungen" in den 1930er Jahren in Russland nicht mehr präsent – die Priester wurden ermordet oder deportiert, die Kirchgebäude zerstört oder einer "atheistischen" Nutzung zugeführt.

Dazu kam die Armut im Land, Resultat einer desolaten Plan-Wirtschaft, und das Aufbrechen der Nationalitätenkonflikte, die 60 Jahre lang nur unterdrückt, aber nie gelöst worden waren. Und so wurde denn schon die erste Station von Clemens Pickel in Kurgan Tjube in Tadschikistan eine Erfahrung, wie sie der damals 30-Jährige in den Folgejahren immer wieder machen sollte. Die bedrückendste Erfahrung für den jungen Pfarrer: Wie seine kleine Gemeinde ihm vor den Augen zerrann, weil jeder, der es irgendwie schaffte, die Gelegenheit nutzte, auszuwandern. Das Kapitel Tadschikistan blieb kurz. Ab 1991 wird das Städtchen Marx im ehemaligen Gebiet der Wolgadeutschen zu Pickels Lebensmittelpunkt. An eine Beendigung seiner "Beurlaubung" denkt er gar nicht. Im Gegenteil: Er kämpft nun darum, im Land bleiben zu dürfen und die Kirche mit aufbauen zu dürfen.

In bewegenden Briefen an die Daheimgebliebenen berichtet er von seiner Arbeit, seinem Leben und den Erfahrungen in einem Land, das bitter arm ist, in dem die alten Strukturen zerbrochen sind und die Spenden der Kirchenmitglieder in Deutschland für einige besonders betroffene Familien in Russland zur Rettung werden – wenigstens über den Monat. Oder über das Weihnachtsfest.

Die Gemeinden, die der junge Priester zu betreuen hat, sind nur über Hunderte Kilometer weite Touren mit dem Bus, dem Flugzeug oder dem Auto zu erreichen. Doch auch die Wolgadeutschen, die mit der Öffnungspolitik von Gorbatschow wieder in ihre einstige Heimat zurückgekehrt waren, wandern aus. Bis 1995 nutzen sie fast alle die Chance, nach Deutschland zu gehen. Trotzdem wächst die Gemeinde – gegen heftigen Widerstand der zuständigen Behörden. Denn die Kirche bietet etwas, was im post-stalinistischen Russland selten geworden ist: ein Gemeinschaftsgefühl und menschlichen Zuspruch.

Die Geschichten, die Pickel in seinen Briefen erzählt, werden nicht weniger dramatisch, auch wenn er auf die politischen Veränderungen in Russland – wohlweislich – nicht eingeht. Denn was westlichen Medien in den 1990er Jahren so gern als Demokratisierung und Öffnung des russischen Marktes verkauft wurde, war ein Verscherbeln der Reichtümer des Landes an wenige Oligarchen. Halt das, was die "chicago boys" so gern als Liberalisierung verkaufen – und was Russland mit einer Verarmung des größten Teils der Bevölkerung bitter bezahlte. Selbst der so reformierte Staat konnte seine Angestellten nicht mehr bezahlen. Und wenn Clemens Pickel davon erzählt, das Patienten ihre Medikamente und Verbandsmaterialien selbst mitbringen müssen, wenn sie zu einer schweren OP ins Krankenhaus gehen, dann sind das Briefe aus den Jahren nach 2000.

1998 wurde Clemens Pickel zum Bischof geweiht, mit 37 Jahren der jüngste weltweit. Da staunte selbst der Papst. Das Bistum, das er betreut, ist mehr als drei Mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland, reicht vom Ural bis an die Grenzen der Ukraine, im Norden bis Kasan, im Süden bis zur Grenze Georgiens. Was ihn auf einige Fahrten auch in die vom Bürgerkrieg erschütterte Region führt. Beslan gehört dazu – in zwei eindrucksvollen Briefen erzählt er vom nachwirkenden Schrecken des Ereignisses, das die Welt erschütterte.

Das Ganze wirkt wie ein Tagebuch, denn natürlich sind alle Briefe mitten aus der Arbeit heraus geschrieben, manchmal nach aufreibenden Fahrten durch das gewaltige Bistum, das eher zufällig den alten Namen "St. Clemens" wieder führt. Es sind Briefe an eine verständnisvolle Gemeinde in Deutschland, die immer wieder Geld sammelt, damit in Russland ein wenig geholfen werden kann in schlimmster Not.

Man erfährt, auch wenn Pickel so manchen Ärger mit den Behörden nur andeutet, mehr über das Russland der letzten 18 Jahre als aus so manchem "Reisebericht". Man fühlt sich sogar gespenstisch an Szenen aus den Novellen Gogols erinnert, so sehr hat die Not ein einstmals reiches Land im Griff, so skurril wirken die Weisungen der Obrigkeiten.

Und so verblüffend wirken dann die kleinen Begebenheiten, die Pickel in seinen Briefen ebenfalls schildert. Etwa die anfangs erschreckende Begegnung mit der Mutter eines jungen Mädchens, die das erste Mal die Osternacht in der Kirche erlebt und in einer ersten Reaktion schroff auf das "Theater" reagiert. Aber das war's dann gar nicht, was sie bei ihrem ersten Kirchenbesuch so aufgewühlt hat. Ein kurzer Dialog mit ihrem Pfarrer beleuchtet das Drama:"Unglaublich, unglaublich!" Er fragte zurück: "...dass Christus auferstanden ist?" - "Nein", sagte sie sehr ruhig. "Wie hier mit Menschen umgegangen wird."

Clemens Pickel "Ein Deutscher – Bischof in Russland. Einblicke und Ausblicke", Benno Verlag, Leipzig 2009, 9,90 Euro