Sonntag, 6. September 2009

Firmung in Alexejewka


Für die 880 km von Saratow nach Alexejewka brauchte ich volle zwölf Stunden mit dem Auto. Die zugenommene Verkehrsdichte und häufigere Verkehrskontrollen sind der Grund dafür. Zwei Schwestern aus Marx begleiteten mich. Wir trafen Freitagabend, nach Sonnenuntergang ein, feierten hl. Messe in der Kapelle der seit 14 Jahren hier tätigen „Familie Mariens“ und bekamen ein köstliches Abendbrot vorgesetzt. Am Samstag war Zeit für Gespräche und eine Baubesichtigung des geplanten Kinderzentrums. Um das Projekt zu verstehen, muss man die Geschichte Alexejewkas gut kennen. Das einst völlig deutsche Dorf, erlebte seit Mitte der 90-er Jahre eine gewaltige Auswanderungswelle. Aber das Dorf starb nicht aus. Einige leerstehende Häuser wurden von betrügerischen Firmen in der nur 60 km entfernten Millionenstadt Ufa zum Tausch für Wohnungen im Stadtzentrum angeboten. Opfer waren Alkoholiker, deren Stadtwohnungen schon bald für ein Mehrfaches weiter verkauft wurden. Das Klima im Dorf änderte sich. Abends wollte nun keiner mehr allein auf die Straße gehen. Diebstähle wurden zur Alltäglichkeit. Ob unsere kleine Kirche hier eine Chance auf Überleben hätte, war schwer zu sagen.
Inzwischen sind die Eltern der nicht wenigen Kinder in Alexejewka und Umgebung dankbar, dass sich jemand um die Kinder kümmert und sie nicht ihrem Schicksal auf der Straße überlässt. Sie scheint den größten Teil der Seelsorge einzunehmen, die Kinderbetreuung in Alexejewka. Manchmal ist das auch ein Weg zu den Eltern. Aber der Weg ist weit und mühsam.
Samstag, am Nachmittag, fuhren wir ins Kreiszentrum Jasykowo. Auch das ist ein Dorf. Hier waren wir vom orthodoxen Pfarrer eingeladen. Otiez Wadim und Pater Johannes sind seit vielen Jahren befreundet. Er zeigte uns seine Kirche, die er vor 8 Jahren hier gebaut hat und lud zum Teetrinken ein. Es wurde ein interessantes Gespräch, das abermals bestätigte, wie viel doch schon längst möglich ist, wenn Freundschaften untereinander gepflegt werden.
Zur Abendmesse in Alexejewka war kaum jemand gekommen. Alle seien dabei, die Kartoffeln „rauszumachen“. Von den Alten, die ich im Oktober 1991 hier antraf, nachdem diese katholischen Gläubigen 63 Jahre lang keinen Priester mehr gesehen hatten, sind nur noch vier oder fünf übrig geblieben. Sie setzten sich nach der Messe mit mir in eine Kirchenbank und freuten sich, wie über den Besuch eines Verwandten, der leider nur einmal im Jahr vorbei kommt.
Die Firmung am Sonntag war der eigentliche Grund meiner Reise. Die zwei Stunden Zeitverschiebung zu Saratow bemerkte ich beim Aufstehen schon nicht mehr. Der Nebel löste sich auf, und es versprach, ein sonniger Tag zu werden. Während die Schwestern die letzen Vorbereitungen für das Gemeindefest trafen, holten die Brüder die Leute aus den anderen Dörfern zur Messe ab. Pater Johannes betete mit denen, die früher kamen, vor dem ausgesetzten Allerheiligsten in der Kirche. An Ministranten mangelte es nicht. Auch die Kirchenbänke waren voll, als der Gottesdienst begann. Noch vor dem Einzug vom Gemeindehaus über den Hof in die Kirche, fiel mir auf, dass ein Ministrant in Socken da stand. „Wo sind deine Schuhe?“ fragte ich. „Ich hab‘ keine“, bekam ich zur Antwort. Auch zwei der vier Mädchen, 14 und 15 Jahre, die ich nach der Predigt mit ihren Firmpaten nach vorn bat, standen in Strümpfen vor dem Altar, aus dem gleichen Grund. Mit der Kleineren von beiden ergab sich nach der Messe noch ein kurzer Dialog beim Fotografieren. Weil ich den Kindern Bildchen zum Andenken austeilte, bat sie um ein zweites für ihre Mutter. „Wo ist die denn?“ fragte ich und schaute mich um. Erst wollte das Mädchen nicht antworten. Dann, als ob ihr plötzlich klar wurde, dass es ja doch alle anderen wissen, sagte sie mir: „Im Gefängnis.“ Dem Vater der Mädchen ist das Erziehungsrecht entzogen. Dass sie nicht im Kinderheim gelandet sind, verdanken sie ihrem Pfarrer.
Erstmals im „Priesterjahr“ bekam ich anschließend ein kleines Theaterstück über den Patron dieses Jahres, den hl. Pfarrer von Ars zu sehen. Pädagogisch klug und feinfühlig, waren Ars und Alexejewka in den Texten dicht nebeneinander gestellt. Alles in allem, einschließlich Würstchenessen für jung und alt, dauerte bis halb vier am Nachmittag. Vor dem Abendessen mit dem Pfarrer, den zwei Brüdern und drei Schwestern, war noch Zeit für einen Hausbesuch bei einer kinderreichen, sehr armen Familie. Einer der Knirpse hatte Geburtstag. Weil hier im Dorf praktisch alle Familien arm sind, hat es Pater Johannes zur Tradition werden lassen, dass er Kinder an ihren Geburtstagen zu Hause besucht und ihnen Kleidung, aber auch das – in den Augen der Kinder - viel wichtigere Spielzeug schenkt. Mit der kinderreichen Familie wohnen ein Opa und eine Oma. Beiden sind die Ehepartner schon verstorben. Trotz bitterer Armut im Haus, wurde uns ein festlicher Geburtstagtisch gedeckt.
Am Abend lud Pater Johannes noch zu einer Rundfahrt ein. Durch stille Wiesen ging es bis an einen Fluss, von da weiter in ein inzwischen ausgestorbenes russisches Dorf, dessen alte orthodoxe Kirche im Jahre 1959 gesprengt wurde, weil man die Steine für Ställe im Kolchos brauchte. Hiermit endet mein Bericht von unterwegs.
Morgen, Montag, früh um 6.00 Uhr, ME(S)Z: 2.00 Uhr, machen wir uns auf den Heimweg.

(Für die Meldung von Tippfehlern dankbar. CP)