Montag, 14. September 2009

Reise in den Nordkaukasus (11.-13.09.09)

Mein Pastoralbesuch in Vladikavkaz war ein ganz gewöhnlicher, jedenfalls vom Plan her. Abflug: Freitag 6.50 Uhr, Heimkehr: Sonntag: 22.05 Uhr. Im Gegensatz zu den anderen Gemeinden im Bistum, versuche ich ganz regelmäßig, jedes Jahr, einen kleinen Besuch in der nordossetischen Hauptstadt zu machen. Die Region wurde schon oft von Konflikten, Terroranschlägen und Naturkatastrophen heimgesucht. Die Pfarrgemeinde hat, im Gegensatz zu allen anderen im Bistum, keine einzige Außensation oder Filiale. Der Pfarrer hat weder einen Kaplan, noch Ordensschwestern, die ihm zur Seite stehen. Überall sonst im Bistum ist das anders. Darum ist der Hauptgrund meiner Besuche ein Zeichen brüderlicher Verbundenheit, nichts weiter.

Gleich nach meiner Ankunft am Freitagnachmittag boten mir Pfarrer und Caritasdirektor einen Ausflug in die Berge an. Ich konnte nicht nein sagen. Der Kaukasus ist wunderschön, nicht nur auf seinen Gipfeln. Und es war Zeit, erste Neuigkeiten zu erfahren. Innerhalb einer Stunde waren wir so weit draußen, dass ich mich ins Mittelalter versetzt fühlte. Wir besuchten ein aus wuchtigen Steinen gebautes Dorf, in dem seit Jahrzehnten keiner mehr wohnt, aber auch ein im Bau befindliches orthodoxes Kloster, in dem Drogensüchtigen geholfen wird.

Auch für Samstag, an dem wir das Fest Mariä Namen feierten, war ein Ausflug geplant. Diesmal aber mit der ganzen Gemeinde, bzw. mit denen, die nicht zur Arbeit bzw. zum Studium mußten. Nach der Frühmesse, die voll war wie sonntags, standen ein kleiner Autobus und ein paar PKW’s bereit, um uns – über 40 Personen – zum Picknick an einen sehr schön und ruhig gelegenen Platz zu bringen. Den ganzen Tag über blieben wir dort. Von 84 Jahre bis 4 Monate war jede Altersgruppe vertreten. Es war Platz zum Spielen, Zeit zum Erzählen und Wandern. Es bildeten sich den ganzen Tag über keine „Grüppchen“. Die ganze Gemeinde zeigt auf lebendige Weise, wie Kirche Familie sein kann. Das zu sehen, hat mich sehr gefreut. Pfarrer Janusz Blaut hat großes Verdienst daran.

Vor fünf Jahren und zwei Wochen waren hier in der Nähe, nämlich in Beslan, einem Vorort von Vladikavkaz, etwa 400 Menschen, davon fast 200 Kinder, bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen. Man spürt unter den Leuten, dass die Wunde nicht verheilt ist, auch wenn damals niemand aus unserer Pfarrgemeinde ums Leben gekommen war.

In den Gesprächen dieses Tages lernte ich eine Frau kennen, die 6 Jahre lang in Wurzen, einer Kreisstadt, 15 km von meinem Heimatort Grimma in Sachsen, gelebt hatte. Ihr Mann war als Sowjetsoldat in der DDR stationiert. Kontakt zu Einheimischen hätte die Versetzung innerhalb von 24 Stunden zur Folge gehabt, und zwar nach Hause, in die Sowjetunion. Trotzdem, so erzählte sie mir, kaufte sie Erdbeeren bei einer sächsischen Rentnerin. Sie genoss die „Wurzener Butterkekse“ usw. usf. Der Anflug von Nostalgie nahm sein Ende, als sie vom nächsten Einsatzort ihres Mannes berichtete, nämlich weit östlich des Baikalsees, wo man das Wasser wegen Giftgehalt nicht trinken durfte und die Fliegen so groß wie kleine Finger waren. (Ihr Mann und zwei ihrer Kinder waren übrigens auch mit beim Picknick dabei. Wo im Leben war der Moment, der sie zur Kirche brachte?!) Von Fernost kamen sie dann hier her, nach Ordzhonikidze. So hieß Vladikavkaz in sowjetischer Zeit. 1998, im Jahr, als ich zum Bischof geweiht wurde, wenige Tage, bevor ich meinen ersten Besuch in Vladikavkaz machte, ging sie mit ihrer 18-jährigen Tochter zur Polizei, einen neuen Pass beantragen. Es war Mittagszeit. Sie kamen wenige Minuten zu spät. Es war schon geschlossen. Die Tochter bat ihre Mutter, dann doch wenigstens mit ihr auf den Basar zu gehen und etwas einzukaufen. Gesagt - getan. Dort aber brach die Hölle über sie herein. Mitten im Markttreiben explodierte plötzlich eine Bombe. Wanda, so heißt die Frau, war schwer verletzt und sah als Letztes, so habe ich verstanden, wie ihre Tochter auf dem Boden kroch, bevor sie das Bewußtsein verlor. Dass ihrer Tochter durch die Explosion ein Bein abgerissen wurde und sie noch auf der Straße verstarb, bevor Hilfe kam, erfuhr die Mutter Wochen später.

Unser damalige Pfarrer von Vladikavkaz, P. Stephen, ein Schotte, beschloss mit seinen Helfern, alle Verletzten dieses Bombenanschlags in den Krankenhäusern der Stadt aufzusuchen. Es waren viele! Zu Wanda - baten die Ärzte - „nur ganz kurz“. Sie war die am schwersten Veletzte unter den Überlebenden. Als sich unser Caritasdirektor vorstellte als „von der katholischen Kirche“, riß die Frau die Augen weit auf. Ihr „Was?“ war schwer zu deuten. Dann sagte sie: „Ich bin katholisch.“ Sie stammt aus der Westukraine, hatte also ein katholisches Eltern- oder Großelternhaus. Und jetzt erinnerte sie sich wie zum ersten Mal im Leben daran und sprach es aus. – „Der Pater ist im Zimmer nebenan. Er kommt gleich“, beruhigte sie der Caritasdirektor. In den darauf folgenden Tagen war Pater Stephen noch oft bei ihr zu Besuch. Und als die Ärzte die Frau für stark genug hielten, die Todesnachricht der Tochter zu ertragen, war die Frage, wer es ihr sagen soll. Pater Stephen hat es getan. Wanda erzählte mir gestern: „Wenn es mir jemand anderes gesagt hätte, auch, wenn es jemand von den Verwandten gewesen wäre, ich hätte doch wohl den Verstand verloren. Ich danke ihnen allen sehr.“

Heute, zur Sonntagsmesse, war die „Kirche“ – das ist ein großes Zimmer in einem normalen Haus – bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch wer am Samstag nicht konnte, war heute da. Die Gemeinde ist klein. Aber sie wächst. „Zum erstenmal in all den Jahren, die ich hier bin“, berichtete mir Pfarrer Blaut mit Freude in den Augen, „haben wir zwei Trauungen hier in Vladikavkas.“ Eins der beiden Paare sind junge Leute, die sich bei unseren Katechetenkursen für Laien kennengelernt hatten. Danke, Renovabis! Indirekt ist so die Freisinger Projektfinanzierung zur „Ehevermittlung“ geworden. Am Rande, zumindest!

Die Zeit bis zur Abfahrt zum Flughafen nutzte ich noch für Gespräche mit den Jugendlichen, die am Vortag nicht mitkommen konnten, die ich aber von Jugendtreffen her kenne. Auch sie sind sehr dankbar für ihre Seelsorger. Man muß das alles am besten selber sehen!

Pfarrer Blaut brachte mich bis zur Sicherheitskontrolle vor dem Einstieg ins Flugzeug und lud mich für kommendes Jahr wieder ein. Als ich beim Umsteigen in Moskau im Terminkalender nachschaute und ihm per SMS den 4. September anbot, bedankte er sich postwendend. In den kurzen Zeilen seiner Antwort auf’s Handy konnte man ungespielte Bescheidenheit und Freude lesen.