Montag, 5. Oktober 2009

Sonntagsaushilfe

Der Pfarrer von Marx hatte mich für den gestrigen Sonntag um Urlaubsvertretung gebeten, was ich gern übernahm. Nach der Sonntagsmesse in der schönen Pfarrkirche, die ich beinahe Stein für Stein kenne, besuchte ich verschiedene Gruppen, die sich anschließend trafen, u.a. eine Müttergebetsgruppe und, natürlich, Kinder. Am Nachmittag war als Außenstation „Stepnoje“ vorgesehen, ein Dorf, dessen Geschichte ich ebenfalls von Anfang an kenne. Die 45 km von Marx gen Osten führten durch abgeerntete Felder und vertrocknetes Steppenland. Häufig überholte ich große, langsame LKW’s, die auf die Felder der „Koreaner“ fuhren, die in den letzten Jahren in diese Region gezogen sind und viel Gemüse anbauen. Für das Beladen eines 20-Tonnen-Sattelzugs mit Kohlköpfen, bekommt man 400 Rubel (9 Euro). Für diese Handarbeit braucht man einen Tag von früh bis spät, erzählten die Frauen im Dorf, als Erklärung für die Abwesenheit einiger sonst nie fehlender Gemeindeglieder.

Zwei Schwestern halfen den Kindern und Alten beim singen. Es ging ein bißchen wie zu Hause zu, schien mir. Das häufige Weinen der ganz Kleinen schien niemanden zu stören. Dass es nicht mit der Länge der Messe zusammenhing, verstand auch ich. Nach dem Gottesdienst probierte Schwester Swetlana zwei Kindern Turnschuhe an. Eine Frau bat uns zu sich nach Hause und schenkte uns einen Sack Kartoffeln und Zwiebeln. Die Jugendlichen, die bei uns in Marx wohnen und zur Schule oder Berufsschule gehen, waren am Wochenende in Stepnoje zu Gast. Im Kleinbus des Pfarrers konnte ich alle mit zurück in die Stadt nehmen. Auf dem Friefhof am Dorfausgang ist es, wie ich sah, inzwischen eng geworden.


Bevor sich der Blick dann auf die unendliche Steppe öffnet, muß man noch an den ehemaligen Wasserspeichern vorbei. Drei gewaltige, eiserne Wassertürme habe ich noch im Gedächtnis, die hier standen und das Dorf mit Trinkwasser versorgen sollten. Wie oft waren die Pumpen durchgebrannt, weil der Wächter betrunken war! Heute ist das Pumpenhaus eine Ruine. Einen der drei Wassertürme, den mittleren, hatte ein Orkan weggerissen. Einen haben Leute nachts abgesägt und in die Schrotthandlung gebracht. Fragen Sie mich nicht, wie… Vom letzten liegt die obere Hälfte noch da.

Die Grundschule in Stepnoje wurde geschlossen, obwohl es nicht an Kindern fehlt. Das Haus ist schon als Wohnraum vergeben. Eine Krankenschwesternstation gehört ebenfalls der Vergangenheit an. Die meisten Leute, die seit 15 Jahren hier wohnen, haben einst in Großstädten der mittelasiatischen Sowjetrepubliken gelebt. Dass sie gut mit ihrem Schicksal zurrecht kommen, kann man nicht sagen. Es ist alles andere als leicht.