Montag, 9. November 2009

Eins der Dörfer, die ich meine

Erinnern Sie sich, am 3. Oktober hatte ich von den Kindern berichtet, die dringend einer augenärztlichen Behandlung bedürfen. Als ich vor einem Monat mit Schwester Marina deren Dorf besuchte, bot sich selbst mir, der die Gegend kennt, ein erschreckender Anblick, ein ehemaliges Dorf der Autonomen Republik der Wolgadeutschen, dessen große St-Antonius-Kirche bis zum heutigen Tag noch steht, wenn auch entfremdet als sogenanntes "Kulturhaus", ohne Turm und Dachkonstruktion, - jetzt heruntergekommen, kulturlos, ärmer als arm. Menschen, die das Gefühl haben, dass sie keiner braucht, gibt es hier viele. Auf dem Weg durchs Dorf erzählte mir die Ordensschwester, die hier wöchentlich zum Religionsunterricht in einer Wohnung her fährt, dass sich hier immer wieder Leute das Leben nehmen, "gewöhnlich" durch Erhängen. Ein- bis zweimal im Monat, sei in letzter Zeit die Regel. Die Kinder, die sie unterrichtet, zeigen auf die Häuser (oder Ställe) und kennen die Namen. Ich weiß, dass Schwester Marina nicht übertreibt, wollte es aber dennoch nicht glauben.


Heute abend hatte ich in Marx zu tun, als die Schwestern gerade wieder aus diesem Dorf zurück kamen. Der Unterricht hat heute nicht stattgefunden. Der Vater eines der Kinder hatte den Vater eines anderen, das ebenfalls regelmäßig zum Reli kommt, erschlagen, "aus Versehen", heißt es. Morgen ist die Beerdigung. Die Schwestern waren im Haus des Toten und haben mit (bzw. bei) den Leuten gebetet. "Es waren viele da", sagen sie.

Deutschland feiert heute 20 Jahre Mauerfall. Schon vor mehr als 10 Jahren bekam ich einen Brief aus Deutschland, in dem mir erklärt wurde, dass nun keine materielle Hilfe mehr käme, weil die Wende ja inzwischen vorbei sei. Ich bettle nicht um Geld, sondern nur darum, dass Ihnen die Menschen hier nicht egal sein mögen.