Freitag, 6. November 2009

Ich war krank, und ihr habt mich besucht ... (Mt 25,36)


Was wäre es für ein Beispiel gewesen, wenn ich im ganzen Bistum zur „Woche der Barmherzigkeit“ aufgerufen hätte, ohne selbst auch nur einen Kranken zu besuchen! Abgesehen davon, dass es wirklich viele alltägliche Möglichkeiten zur Barmherzigkeit gibt, da wo wir sowieso schon sind und zu tun haben, prüfte ich im Gedächtnis, wann ich zum letzten Mal vom Schreibtisch aufgestanden war, um einfach in die Stadt zu gehen und jemanden zu besuchen, der selber nicht mehr von zu Hause fortgehen kann. Mit einer Flasche armenischem Granatapfelwein im Caritas-Beutel machte ich mich auf den Weg zu Herrn Kin, „meinem“ letzten Deutschen in der katholischen Pfarrgemeinde Saratow. Edmund Kin, Jahrgang 1927, lebt mit seiner Frau Galina an einer vielbefahrenen Straße im Stadtzentrum. Die schweren Straßenbahnen bringen das 120-jährige Haus aller 10 Minuten zum Zittern. Fünf Mietparteien teilen sich zurzeit in die vorhandenen Räume und das Fleckchen Gras im Hof, wo auch das gemeinsame, aus Brettern gezimmerte WC (ohne "W") steht. Herr Kin macht sich Gedanken um die Zukunft seines Sohnes, der bei der Polizei gearbeitet hat, nun aber arbeitslos geworden ist und auch hier wohnt. Ein zweiter Sohn hatte vor Jahren das Haus kurz verlassen, um das neue Auto aus der Garage zu holen - und ist seitdem als vermisst gemeldet. In seinen Erinnerungen, die Edmund Kin seiner Frau diktierte und deren ersten Band er nun als kleines Heftchen „herausgegeben“ hat, beschreibt der alte Mann Erlebnisse aus seiner Kindheit und Jugendzeit, die ein bewegendes Bild der dreißiger und vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts entstehen lassen. Eine Episode daraus sei hier kurz aus dem Gedächtnis nacherzählt: Nach Kriegsbeginn 1941 (Deutsches Reich - UdSSR), wollte hier keiner mehr mit Deutschen zu tun haben, hauptsächlich aus Angst vor Verdächtigungen. Bald kam die Verfügung über die Deportation aller Deutschen aus den Wolgagebieten. Manche versuchten, den Nationalitätsvermerk im Pass ändern zu lassen... Um die Häuser der Wolgadeutschen herum sammelten sich Menschentrauben. Jeder wusste, dass sie nur noch wenige Tage Zeit hatten, um Möbel, Vieh, ja ganze Häuser und Grundstücke billig zu verkaufen. Ein zehnjähriger Neffe Edmund Kins, der ins Saratow lebte, wurde von seinem kinderlosen Onkel Otto aus der Gegend am Baikalsee adoptiert und abgeholt, weil es dort ruhiger zu sein schien. Aber auch in Fernost, griff die Sowjetmacht zu. Der Onkel des kleinen Rudolfs wurde eingesperrt und starb an den Misshandlungen während der Verhöre. Der Zehnjährige war nun „übrig“. Keiner brauchte ihn, und das mehr als 5.000 km von zu Hause entfernt. Ohne Kenntnis von Geographie oder Zugfahrplänen, ohne Geld und ohne etwas zu Essen in der Tasche, machte er sich auf den Weg, wie er meinte: "nach Hause". Dass es inzwischen keine Deutschen mehr an der Wolga gab, wusste er nicht. Der kleine Rudolf fand in Sibirien nicht nur den Weg nach Irkutsk, sondern schaffte es auf Güterzügen bis in die Nähe von Saratow, verunglückte aber kurz vor Erreichen seines Ziels und verlor eine Ferse. Später traf er seinen Vater noch kurz. Dann verlor sich die Spur des kleinen Rudolfs. Man hat ihn wahrscheinlich nicht einmal offiziell als vermisst gemeldet. „Ganze Familien sind damals verschollen“, schreibt Edmund Kin in seinen Erinnerungen. - Das Wichtigste ist, man darf nicht den Mut verlieren, so faßte er heute beim Abschied zusammen.