Samstag, 20. Februar 2010

Bürokratie am Samstag

Manchmal tun mir meine deutschen Mitbrüder leid, die einen so vollen Terminkalender haben, dass selten mal Platz ist für Unvorhergesehenes. Dass wir hier in Russland mehr freie Zeit haben, lässt sich dennoch schwer behaupten. Ein Beispiel von heute: Ich bin dabei, meine Papiere für den Erhalt der russischen Staatsbürgerschaft zu sammeln. Aus dem Internet habe ich mir dafür die aktuelle Liste von Dokumenten geholt. Unterwegs durch die Stadt, kam ich heute Mittag an einem Fotoladen vorbei, der mich an die nötigen 4 Passbilder erinnerte. Samstagmittag, keine Leute, prima! Schon auf dem Stuhl sitzend, wie beim Zahnarzt, fragt mich die Fotografin: „Wofür brauchen sie die Passbilder?“ – Ich sage: „Für den russischen Ausweis.“ – „4x5 oder 4,5x5,5?“ fragt sie. Ich sage (wie es im Internet stand): „3x4.“ – „Gibt’s nicht“, sagt sie. – „Also wie dann, für den Ausweis?“ möchte ich wissen. – Sie zeigt mir verschiedene Passbilder an der Wand, als ob es mir dann leichter fällt zu entscheiden. „Na, machen sie 4x5“, bitte ich. – „Farbig oder schwarz/weiß?“ will sie nun wissen. – „Ich weiß nicht. Ist das egal?“ – „Na, brauchen sie es für den Ausweis, oder für den Reisepass?“ – „Für den Ausweis.“ – „Dann brauchen sie schwarz/weiß, aber 4,5x5,5.“ – „Oj, ich werde mich informieren. Dann komme ich wieder.“ Zu Hause im Internet suchte ich nochmal nach den Angaben. Die meisten Informationsseiten schreiben überhaupt kein Format für die Antragsfotos vor. „Ich probier’s nochmal!“ dachte ich, und spazierte nach dem Mittagessen los, jedoch zum Fotografen nebenan. „Fotos zum Ausweisbeantragen, bitte“, sage ich. „Setzen sie sich schon mal auf den Stuhl“, sagt die freundliche, ältere Dame. Sie fragte gar nicht nach dem Format. Und als sie dreimal mit ihrer digitalen Pocketkamera aus dem Stand geblitzt hatte, fragte sie: „Glänzend oder matt?“ … - „Ist das nicht egal?“ – „Für den Ausweis, und nur für den Ausweis, brauchen sie glänzende, für alle anderen Dokumente matte Passbilder“, antwortet sie. Um die Sache für heute zum Schluss zu bringen, sagte ich schnell: „glänzend.“ Sie nahm 140 Rubel und bat mich, in 10 Minuten wiederzukommen. Das tat ich auch. Dass die Fotos farbig geworden sind, statt schwarz/weiß, behielt ich für mich, wie auch die Hoffnung, dass der erste Schritt zur Einbürgerung dennoch getan ist.

(Foto zum Anklicken: Bischof Joseph Werth, im eben genannten Saratower Fotoladen, 1991)