Freitag, 19. Februar 2010

Die zweite Hälfte vom Tag

Bei wunderschön blauem Himmel, durfte ich das Büro heute schon am frühen Nachmittag hinter mir lassen. Ich hatte mit Pater Tomasz in Marx den Bau seines neuen Pfarrhauses zu besprechen, der im Frühling beginnen soll. Er kam gerade aus dem Kreiskrankenhaus, wohin er eine arbeitslose Frau aus unserem Sorgendorf Stepnoje gebracht hatte. Sie hatte sich den Fuß so sehr geprellt, dass er dick wie ein Eimer geschwollen war. Die Krankenschwester des Dorfes war gestern nicht gekommen, obwohl sie die junge Witwe wegen ihrer starken Schmerzen angerufen hatte. Was kann man von einer Arbeitslosen in Russland schon „erwarten“… Erst als sie heute das Auto von Pater Tomasz ins Dorf fahren sah, eilte sie herbei. Im Krankenhaus fuhr der Chirurg die Patientin im überfüllten Korridor an, warum sie nicht gestern gekommen sei. Gestern waren die Straßen verweht. Niemand hatte eingewilligt sie zu bringen. Einen Mann mit einer großen Wunde am Bein stellte er an, seinen Verband vor allen Leuten im Gang abzuwickeln, obwohl der sich kaum bewegen konnte. Selbst die russische Ordensschwester, die daneben stand, erzählte es später noch mit erschrockener Stimme. Scheint uns doch manchmal, dass es doch vorwärts geht bei uns… Außerdem ging es bei meinem Treffen mit Pater Tomasz um die beiden russischen Delegierten zum Weltjugendforum Ende März in Rom. Und drittens ist Donnerstag Beichttag im Noviziatskloster der Schwestern in Marx. Dort hatte in den letzten Tagen eine Versammlung stattgefunden, deren Teilnehmerinnen jetzt wieder zurück in ihre Ordensniederlassungen fahren. Schwester Rosa aus Novosibirsk, zum Beispiel, fährt heute Nacht um 1:08 Uhr ab Saratow und wird nach 52 Stunden Bahnfahrt zu Hause sein. Darum bin ich auch schon wieder in Saratow. Marx hat keinen Bahnhof. Der letzte Bus fährt nachmittags gegen 17:00 Uhr. Und auch hier im 831.000 Einwohner zählenden Saratow gibt es nachts keinen öffentlichen Nahverkehr. Das Thermometer zeigte auf der Fahrt von Marx nach Saratow -24 Grad an, während Orion den Weg nach Süden zeigte. So kam das Foto von unterwegs zustande. (Wer das Sternbild darauf nicht erkennt, sollte das Bild anklicken, sich eine Brille kaufen oder heute schon nicht mehr auf Bildschirme schauen.)