Montag, 22. März 2010

Einmal Kamyshin und zurück

Nach der Sonntagsmesse in der Kathedrale, in der ich wegen Abwesenheit von Pfarrer und Kaplan auch die Vermeldungen für die kommende Woche (einschl. „Sommerzeit“) lesen durfte, und nachdem sich die munter erzählende Schar vor der Kirche langsam auflöste, eilte ich nach Hause, um mir ein sonntägliches Mittagessen zu bereiten. Die Schwestern, die das sonst tun, hatten alle noch Katechese in der Pfarrei. Nur ich eilte, weil ich noch nach Kamyshin wollte.

Das Tauwetter brachte den Zustand der Straßen zum Vorschein. Dass es so schlimm war, hatte ich nicht erwartet. Schlaglöcher, so groß wie vier bis fünfundzwanzig Pflastersteine, säumten die genau 188 km von meiner Wohnung in Saratow bis zum Pfarrhaus in Kamyshin. Das überall stehende Tauwasser machte sie zu unsichtbaren Fallgruben. Fehlende Leitlinien am Rand und in der Mitte, sowie das schmutzige Spritzwasser jedes entgegenkommenden Fahrzeugs, machten die Straße besonders am Abend zu einer Geisterbahn.

Aber es hatte ja alles seinen Sinn. Und unsere Priester fahren diese und anderen Strecken regelmäßig, bei (fast) jedem Wetter. Dreizehn Leute warteten in Kamyshin auf mich, zwei Männer, elf Frauen. Vier davon bereiten sich auf die Taufe vor. Manche wären krank. Die ehemals große Gemeinde, die seit 1995 wieder eine eigene Kirche hatte, ist durch die Auswanderung der Russlanddeutschen stark geschrumpft. Die größere Not aber kam, als Kamyshin keinen eigenen Geistlichen mehr hatte. Überall kann man das bei uns deutlich beobachten: Da, wo ein Priester wohnt und täglich Eucharistie gefeiert wird, gibt es lebendige Gemeinden. Dort aber, wo Priester nur manchmal zur Messe „vorbeikommen“, gleicht das Ganze einer Betreuung von Übriggebliebenen. – Dass in Kamyshin dennoch „Neue“ zum Glauben finden, ist zum großen Teil Verdienst unserer Katechetin Natascha, die sich mit Hingabe um das Weiterleben ihrer geistlichen Familie bemüht. Sie arbeitet in der Stadt, als Buchhalterin in einer Firma. Ihre Freizeit schenkt sie der Kirche uneingeschränkt, schon seit Jahren.

Die Abendmesse in Kamyshin feierten wir im Pfarrhaus, weil die Kirchenheizung seit Monaten repariert wird und man dort wie im Gefrierschrank sitzt. Die Älteren würden das nicht aushalten. Anschließend baten mich die Leute, zum Abendessen zu bleiben. Für alle war ein großer Tisch gedeckt: Pilze, Kraut, Brot, Tee – Fastenzeit. Nur zwei Omas aus dem benachbarten Petrow Wal (20 km) verabschiedeten sich gleich. „Je später am Abend, desto schwieriger mit den Kleinbussen, die zwischen den Städten pendeln“, entschuldigten sie sich. Auch wohnen die beiden in einem Stadtviertel, in dem es abends ernsthaft gefährlich ist, allein als alter Mensch auf die Straße zu gehen. Beim Abendessen bemerkte ich, dass sich alle gut kennen und gegenseitig am Schicksal der anderen interessiert sind. Ich war der Erste, der dann irgendwann zum Aufbruch drängte.

Für den Rückweg brauchte ich 3 Stunden und 20 Minuten, obwohl zwei Stunden Fahrt in der Regel ausreichen. So konnte ich mich ein wenig in den Alltag unserer Seelsorger versetzen, physisch, aber auch materiell. Gut, dass „Renovabis“ und „Kirche in Not“ wirklich viele unserer Projekte unterstützen. Dennoch bleiben z.B. 60 % der Benzinkosten, die die Priester selbst irgendwo besorgen müssen.