Dienstag, 13. April 2010

Firmung am Asowschen Meer

2064 km zeigte der Zähler gestern Abend an, als ich den Zündschlüssel in Marx aus dem Schloss nahm und meine drei Reisebegleiterinnen aussteigen konnten. Die Firmung in Taganrog war zum Aufhänger einer ganzen Reihe kleiner Besuche am „Wegrand“ geworden. Am Freitagabend waren wir nur bis Wolgograd gefahren. Dort betraten wir die Kirche gerade, als die Abendmesse zu Ende war. Ein Kammerorchester begann seine Proben für das Osterkonzert am bevorstehenden Sonntag. Gäste der GCL (Gemeinschaft christlichen Lebens) aus Dresden waren zufällig da. Vor den Kirchenbänken standen drei große, neue Glocken, die der Pfarrer unlängst mit Hilfe verschiedener Wohltäter anfertigen ließ, und die nun bald ihren Platz im Turm finden sollen…

Die im Süden wesentlich besseren Straßenverhältnisse, verleiteten am Samstagmorgen zum Gedanken an einen Umweg. 140 km vor Rostow-am-Don riefen wir dort in der Pfarrei an und fragten, was es zum Mittagessen gäbe… Eigentlich wollten wir Rostow umfahren. Wie Wolgograd, ist auch das eine der Städte im Bistum, in denen über eine Million Menschen leben. 25 km vor Rostow zeigte ein Wegweiser, dass es nur 5 km bis Nowotserkassk wären. Da weder Schwester Luba, noch Tanja oder Luda jemals die „Welthauptstadt“ der Kosaken besucht hatten, bogen wir ab. Pfarrer und Kaplan waren zwar zur 250 km entfernten Außenstation unterwegs. Schwester Villana von den Maria-Ward-Schwestern begrüßte uns jedoch im Pfarrhaus und bot sogar eine kleine Exkursion in die viertgrößte orthodoxe Kirche Russlands an. Auf den letzen Kilometern nach Rostow erreichte uns die Nachricht vom Unglück in Smolensk. (Smolensk gehört zur Erzdiözese in Moskau. Ich versuchte, mit Erzbischof Pezzi Kontakt aufzunehmen. Er antwortete mir per SMS aus Israel…)

In Rostow gab es eine längere Pause mit Mittagessen, Kirchenbesichtigung und Gesprächen. Ich freute mich, Pater Ignatius wiederzusehen. Sein Hobby ist die sakrale Kunst: In einer Werkstatt im Keller restauriert er Figuren und fertigt Ansichtsmaterial für Kirche und Katechese an. Auch das Motorrad des Pfarrers sah ich dort stehen. Was in mir beim Anblick des „400-er“ Ofens an Emotionen aufkam, lässt sich mit der These meines ehemaligen Mathelehrers in Magdeburg erklären: „Männer werden nie erwachsen.“ (Ich bin selbst viele Jahre gern Motorrad gefahren, zuletzt als Kaplan in Kamenz.) 

Pater Raul und die Schwestern von Taganrog kamen am Nachmittag, um mich nach Asow abzuholen. Dort betreut er die Pfarrei St. Markus. Eigentlich sollte die Abendmesse um 17.00 Uhr beginnen. Um diese Zeit steckten wir aber noch im Stau an der Brücke über den Don. Die kleine Gemeinde wartete geduldig. Übrigens heißt die Gemeinde in Asow nicht zufällig „St. Markus“. Im 12. Jahrhundert war Asow katholischer Bischofssitz und hatte auf direktem Seeweg enge Handelsbeziehungen nach Venedig.

Die Gemeinde, in der sich alle kennen wie Verwandte, hatte einen großen Tisch zum Abendbrot vorbereitet. Es wurde bis in den späten Abend erzählt und gefragt. Iwan, der einzige in der Gemeinde, der ein Auto hat (das der Pfarrei gehört), fuhr schließlich alle nach Hause, die sonst gar nicht hätten kommen können. Vor uns lagen die letzen 105 km nach Taganrog. 

Das kleine Bethäuschen der Dreifaltigkeitsgemeinde schien am Sonntagmorgen aus allen Nähten zu platzen. Die Gemeinde wächst! Eine ganze Stunde beteten die Leute vor der hl. Messe, besonders für die Priester. Später erfuhr ich, dass jeden Sonntag eine andere Gruppe der Gemeinde mit der Vorbereitung dieses Gebets betraut ist. Auf die Firmung warteten drei Kandidaten: eine Jugendliche aus Taganrog, eine Großmutter von weit her, die von Zeit zu Zeit ihre Schwester in Taganrog besucht, und ein Student aus Namibia. Die Anwesenheit nicht weniger Kleinkinder war nicht zu überhören, störte aber dennoch nicht den Gottesdienst. Nach der österlichen Feier in der Hauskapelle versammelten wir uns im Gemeindesaal. Auch hier musste ich viel erzählen. Besonders still hörten die Leute zu, als ich von Pater Johannes erzählte, dem im Januar verstorbenen Priester aus Alexejewka.

Am Nachmittag und Abend war Zeit, mit Pater Raul und den Karmelitinnen zu sprechen, die hier segenreich wirken. Sogar zwei Hausbesuche, eine Besichtigung im Geburtshaus Anton Tschechows und ein Blick aufs Meer passten noch ins Programm. Am Montag kehrten wir heim, diesmal in einem „Ritt“ über 994 km. Und das Wort Ritt ist hier nicht ganz zufällig gewählt. Lange habe ich keine So kaputten Straßen gesehen. 

Vieles wäre noch zu schreiben, … aber in einer Stunde beginnt der Arbeitstag: Vorbereitungen für das Diözesantreffen der Ordensschwestern (morgen/übermorgen in Saratow) und Vorbereitung für das heutige Requiem in unserer Kathedrale. Wegen der Katastrophe in Smolensk werden heute Abend sogar Abgeordnete der Saratower Gebietsverwaltung daran teilnehmen.

Fotos der Reise? – Wenn die Zeit noch reicht, dann: … hier.