Mittwoch, 7. April 2010

Mein erster Besuch an der Wolga

Heute vor 19 Jahren war „Weißer Sonntag“. Das weiß ich auswendig, weil es der Tag war, an dem mir Pater Joseph Werth seine Kirchengemeinde in Marx vorstellte. Er wusste bereits, dass er in wenigen Tagen zum Bischof für die Katholiken in ganz Sibirien ernannt werden sollte, durfte aber nicht darüber sprechen. Was er schon tat: Er suchte einen Nachfolger für die begonnene Arbeit an der Wolga.
Nach der hl. Messe mit 26 Erstkommunionen (s. Foto) und insgesamt vielleicht 300 Gottesdienstbesuchern in Marx, die bis weit nach draußen vor der Tür stehen mussten, verließen wir das viel zu enge Bethaus und brachen bald ins Dorf Raskatowo auf, zu einer Beerdigung. Vorher feierten wir die Sonntagsmesse im Haus der Verstorbenen, am offenen Sarg, bei geschlossenen Fenstern. So war es hier üblich. Danach gab es im gleichen Haus kurz Mittagessen für uns zwei Priester. Ich erinnere mich an meinen schwachen Appetit. Dann ging es über die getauten, aber nicht abgetrockneten Wiesen zum Friedhof. Sofort anschließend fuhren wir zur dritten Sonntagsmesse, die wir am frühen Abend in einem Keller in Saratow feierten. (Saratow war Außenstation von Marx!) Zur Messe waren hauptsächlich Jugendliche gekommen, jedoch nicht ganz freiwillig, sondern mit Erzieherin, aus einer staatlichen Anstalt. Auf dem dunklen Heimweg nach Marx ahnte ich, dass Pater Joseph solche pausenlosen Sonntage gewohnt war und unseren Lada-Niva souverän nach Hause steuerte. (Später erfuhr ich, dass er kurz zuvor seinen Führerschein gemacht hatte.) 
Das einzige Anzeichen für den Grund seiner Einladung nach Marx – ich war damals mit dem Flugzeug von Duschanbe gekommen, wo ich sehr gern Kaplan war – schimmerte beim Verabschieden durch. Er fragte, ob ich seine Gemeinde übernehmen würde, falls er eines Tages hier weg müsste. „Man kann die Leute natürlich nicht alleine sitzen lassen“, war meine Antwort.
Als ich ein paar Tage später, im Hof hinter der Kirche im tadschikischen Duschanbe, in der sowjetischen Zeitung „Izvestia“ las, dass Thaddaeusz Kondrusiewicz und Joseph Werth von Papst Johannes Paul II. zu Bischöfen in der Sowjetunion ernannt waren, habe ich es tagelang nicht übers Herz gebracht, jemandem zu sagen, dass ich nun Wort halten müsse.