Donnerstag, 22. April 2010

Priester - Wer braucht sie nicht?

Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium, den wir am kommenden Sonntag in den Kirchen lesen, ist ganz kurz: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir. Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle, und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins.“ Der 4. Sonntag der Osterzeit wird auch „Sonntag des Guten Hirten“ genannt und ist seit 1964 (unter Paul VI.) der „Weltgebetstag um geistliche Berufe“. Als in der DDR aufgewachsener Christ, werde ich wohl lebenslang allergisch auf Parolen von oben reagieren. Bei dem, worum uns die Kirche hier bittet, geht es jedoch um ein Herzensanliegen, ums Überleben. Nur 8 % meiner Seelsorger im Bistum sind Einheimische. Demgegenüber sind 87 % von ihnen für eine gewisse Zeit gekommen, um beim geistlichen Wiederaufbau nach 70 Jahren Sowjetunion und deren Märtyrerjahrhundert zu helfen, denen, die ausgehalten, überlebt und gewartet haben, oder auf der Suche sind. Zurzeit hat das Bistum St. Clemens keinen einzigen Studierenden im Sankt Petersburger Priesterseminar, das 1995 wiedereröffnet wurde, nachdem es 1918 vom Staat geschlossen worden war. Es ist das einzige katholische Priesterseminar in Russland, von der Ostsee bis zum Stillen Ozean. Auch die Ordensgemeinschaften in Russland schicken ihre Kandidaten gewöhnlich dort hin. Anfang der 90-er Jahre erlebten wir einen Boom von Interessenten. Dass die Motivationen bei vielen sehr unklar und nicht ausreichend waren, ist ihnen nicht zu verübeln. Hatte man doch in unbeschreiblicher Wut über viele Jahrzehnte hinweg versucht, Kirche zu vernichten. „Schlag den Hirten, dann werden sich die Schafe zerstreuen.“ Diese einfache Regel, von der schon der Prophet Sacharja (13,7) schrieb, ist Jahrtausende alt und wurde in der Zwischenzeit immer wieder aufgegriffen: an der Schwelle des Neuen Bundes erfüllte sich das Prophetenwort am Kreuz. In Diktaturen und manchmal bis hin zu Trittbrettfahrern und Schaulustigen unserer Zeit, bleibt es aktuell. Am kommenden Sonntag werden wir den Herrn um mutige, fröhliche, liebende Menschen bitten, die ihm nachfolgen, weil er es so will, nicht im Arbeitsverhältnis sondern im Bund ihres Lebens.