Dienstag, 18. Mai 2010

Besuch in Astrachan

„In Astrachan gibt es einen Franziskanerbruder, der ganz gute Fotos macht. Darum nehme ich meinen Fotoapparat nicht mit.“ Für diesen seltenen Gedanken wurde ich „bestraft“: Bruder Viktors Fotoapparat war kaputt… Natürlich sind Fotos bei weitem nicht das Wichtigste auf meinen Reisen. Nur fürs Archiv, oder den „Ein-blick für Freunde“, ist es manchmal gut, auch bildlich zu zeigen, worum es geht.

Die 400 km nach Wolgograd bin ich in diesem Jahr schon oft gefahren. Die Strecke ist wie ein „Heimspiel“, auch im Blick auf die Verkehrspolizisten, die sich mit ihren neuen Kameras in den ungemütlichsten Büschen verstecken. An die 70 km ging es dann durch Wolgograd, bevor sich der Blick in baumlose Steppe öffnete und es immer schwüler wurde: Das Kaspische Meer (28 m unter dem Meeresspiegel) ließ grüßen. 430 km waren es da noch bis Astrachan, die Stadt am Beginn des Wolgadeltas. Sie ist 450 Jahre alt und eigentlich schön, hat viele historische Gebäude und liegt am größten Fluss Europas. Viele Märkte, die ganze Stadtviertel in Beschlag nehmen, machen einen mittelasiatischen Eindruck und riechen nach Fisch. Mit der Müllabfuhr klappt es da nicht so ganz.

Gleichzeitig hatte unsere Pfarrgemeinde Besuch von Kaplan Gräßner aus der Partnergemeinde in Zittau. Er wurde von Herrn Wiesner aus Wilsdruff (beides Bistum Dresden-Meissen) begleitet, der mir eine Spende vom Kirchenchor übergab. Im Sonntagsgottesdienst fielen mir die afrikanischen Studenten auf, manche waren sogar mit Kindern gekommen. Die Liturgie in der ältesten erhaltenen katholischen Kirche ganz Russlands hat immer etwas Besonderes an sich. Ein kleines Gemeindefest schloss sich an. Am Nachmittag besuchten wir Swetlana, die hier im Namen der Assoziation Johannes XXIII. ein Haus leitet. Auch für einen Abstecher in den Kreml reichte die Zeit. Wegen der 450-Jahr-Feiern wurden viele Sehenswürdigkeiten Astrachans restauriert; leider häufig nur von außen. Der Abend war für einen Besuch im Haus bei „Familie Mariam“ reserviert, einer kanadischen Gemeinschaft, die vor mehr als 10 Jahren zu uns kam. Alles in allem, macht die Gemeinde einen lebhaften und frohen Eindruck. Das ist Pater Stanislaw hoch anzurechnen. Er hatte einen sehr schweren Anfang, als er Nachfolger des hier vor 10 Jahren ermordeten Pfarrers wurde. Leider wird Pater Stanislaw jetzt von seinem Orden nach Sankt Petersburg versetzt. Mein Besuch, gerade in dieser Zeit, sollte damit auch helfen, den Gläubigen das Gefühl von Kontinuität zu vermitteln. 

Auf dem 900 km langen Heimweg erlebten wir die verschiedenen Klimazonen noch bewusster, als drei Tage vorher. Die riesengroßen orthodoxen Kirchen in fast verfallenen Dörfern an der Wolga, erinnern an die Reise eines russischen Imperators nach Astrachan. Die meisten von ihnen sind verfallen. Hier und da bemüht sich ein Geistlicher, das Dach zu reparieren. Bei Pausen in der Steppe mussten wir auf Erdhörnchen, Schlangen und Zecken gefasst sein. Später waren es die Mücken, die uns zur Eile trieben. Auf meiner Reise nach Astrachan wurde ich von Inna, einer Postulantin der Marxer Schwestern, und Chrystina, einer Jugendlichen, die in Marx lernt und aus Astrachan stammt, begleitet. Dass ihre Mutter am Sonntag Geburtstag hatte, und sie – als Überraschung – für 2 Tage nach Hause kam, war wieder einmal einer jener Zufälle, die uns daran erinnern, dass es Zufall eigentlich nicht gibt. Während der letzten 60 km unserer insgesamt 1975 km langen Reise, begrüßte uns ein kräftiger Regenbogen, den ich dann doch wenigstens mit dem Handy durch die Frontscheibe fotografieren „musste“.