Mittwoch, 12. Mai 2010

XII. Pastoralkonferenz - Rostow am Don, 5.-11.05.2010

Die 12. Pastoralkonferenz im Bistum St. Clemens in Saratow ist beendet. Beinahe eine ganze Woche lang, verbrachten wir Priester und Ordensleute des Bistums gemeinsam in Rostow am Don. Was diese Tage für das Bistum und für die Einzelnen bedeuten, werden Außenstehende nur teilweise nachvollziehen können. Stichpunkte sollen es dennoch andeuten:

Diaspora. 25 Seelsorgezentren auf einer Fläche, die viermal so groß ist wie Deutschland, Außenstationen, die mehrere hundert Kilometer vom Pfarrhaus entfernt liegen. Jede Begegnung ist ein Fest. Die jährliche Pastoralkonferenz ist ein Höhepunkt ohnegleichen.
Pastorale Planung. Die meisten unserer Seelsorger und Ordensleute sind Ausländer. Es macht einen stark weltkirchlichen Eindruck, wenn man alle gemeinsam versammelt sieht. Verschiedene Sprachen, Kulturen, Prägungen durch die eigene Ausbildung etc. sind eine besondere Herausforderung an das gemeinsame Konzept des Bistums. „Katholische Kirche in Russland, quo vadis?“ Diese Frage rückt immer mehr aus dem theoretischen Bereich ins bewusste Interesse unserer Pfarreien.
Referenten. Drei Tage lang half uns der Claretinerpater Mariano Sedano, Dozent im Priesterseminar St. Petersburg, das geistlich-theologische Fundament für unseren „synodalen Prozess“ zu legen. Nach einer geistlich tiefen und psychologisch anregenden Reflexion über den Weg zweier Jünger nach Emmaus, erinnerte er an Texte des II. Vatikanischen Konzils, auf die wir uns stützen dürfen und müssen. Weitere Referenten waren der Generalvikar und Offizial Timashev aus Moskau („Fragen zum Kirchenrecht“) und Schwester Karolina aus Jekaterinburg („Katechesewerkstatt“). Thematisch waren die Tage somit ausgefüllt. Viele drückten ihre Dankbarkeit, auch und besonders gegenüber den Referenten, am Ende spontan aus.
Gebet. Wie im vergangenen Jahr, hatten wir auch dieses Mal die Möglichkeit, Eucharistie täglich in einer Kirche zu feiern, statt in einem dafür hergerichteten Konferenzssaal. Es waren nur 10 Minuten Fußweg vom Konferenzort in die Rostower Pfarrkirche. Der Unterschied ist so groß, dass wir auch bei künftigen Konferenzplanungen nicht mehr von dieser Bedingung lassen wollen. (Die Schwierigkeit wird sein, dass wir im ganzen Bistum weniger als ein Dutzend Kirchen haben, in denen Platz für 100 Priester und Ordensleute ist. Nach Rostow zurückkehren, ist nicht so einfach. Es war zu teuer. Dazu eventuell später.) Auch das Morgengebet („Laudes“) sangen wir gemeinsam. In der Nacht vom Samstag zum Sonntag beteten wir in kleinen Gruppen, jeweils eine Stunde – vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang – vor dem Allerheiligsten, still in der Kirche. Selbst der Weg durch die nächtliche Stadt, die den 65. Tag des Sieges über Hitlerdeutschland feierte, wurde zum Gebet. Die Sonntagsmesse mit der Rostower Pfarrgemeinde war für viele eine „himmlische“ Erfahrung.
Erholung. Auch das ist ein geplantes Element unserer Pastoralkonferenzen, obwohl es von Außenstehenden manchmal überbewertet wird. Die Abende waren frei und wurden z.B. für Gespräche oder Fußball und ähnliche Spiele genutzt. Ein Fußballfeld in der Nähe des Tagungsorts, gehört zu den heimlichen Anforderungen, auf deren Einhaltung mein Generalvikar streng zu achten scheint. Vor meinem Zimmer saß abends immer eine Warteschlange, die sich dann zwischen 22.00 und 23.30 Uhr auflöste. Für alle, die etwas besprechen wollten, hat die Zeit gereicht. Die meisten werde ich in diesem Jahr schon nicht wiedersehen. Am Sonntagnachmittag besuchten wir die nahegelegenen Städte Staroczerkassk und Nowoczerkassk, die für die russische Geschichte von nicht geringer Bedeutung sind. Orthodoxe Geistliche führten uns (100 katholische Priester und Ordensleute) durch ihre Kirchen, erklärten Ikonen, erzählten Interessantes aus ihrer Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts, boten Reliquien des ersten (gemeinsamen) christlichen Jahrtausends zur Verehrung dar und antworteten sehr persönlich auf die Fragen der Gäste. Als eine Schwester in einer Kirche das bekannte Gebet „unseres“ heiligen Nikolaus von Flüe an großen, schönen Buchstaben an der Wand geschrieben sah, sprach sie den orthodoxen Pfarrer daraufhin an. Er fragte brüderlich lächelnd: „Na, und?“ In Nowoczerkassk empfing uns die katholische Gemeinde mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen. Eine Großmutter konnte es nicht fassen: „So viele Priester!“ (Hierzu muss man im Hintergrund die Jahrzehnte der Kirchenverfolgung bedenken, die sie erlebt hat.)
Finanzierung. 80 Teilnehmer wohnten in einem Sanatorium, das uns im Preisangebot sehr entgegen kam, 20 im Pfarrhaus. (Das Pfarrhaus in Rostow ist besonders groß. Hier befindet sich ein Seelsorgezentrum der Salesianer.) Dennoch ist ein so großes Treffen nicht billig. Wie so oft, sind wir auf Hilfe angewiesen. „Renovabis“ unterstützt unsere Pastoralkonferenzen seit Jahren auf großartige Weise!!! Was mir manchmal Sorgen bereitet ist die Tatsache, dass die Hilfswerke frühere Projekte zum Maßstab aktueller Anträge machen, während die Preise hier schnell steigen. Darum muss ich z.B. in diesem Fall 25% ungedeckter Tagungskosten selbst aufbringen. Natürlich haben wir keinen Anspruch auf Hilfe. Früher oder später müssen wir auf den Boden der Tatsachen zurück kommen. Und wir bemühen uns darum. Was das in unserer Diaspora heißt, möchte ich mir manchmal im Voraus nicht ausmalen: Noch mehr Bettelpredigten unserer Seelsorger im Ausland (und damit verbundene Abwesenheit in den Pfarreien), oder Streichung von Aktivitäten (vom Hunderte Kilometer fordernden Krankenbesuch bis hin zur Pastoralkonferenz)? Die Selbstbeteiligung (besonders und wirklich) armer Gemeinden ist nicht strapazierfähig. Ich hoffe, dass eine derart ausgedrückte Sorge, von keinem als Klage umgedeutet wird. Ohne großzügige Hilfe, besonders katholischer Christen in Deutschland, wären uns die Hände oft von vornherein gebunden. Auch unsere Priester und Ordensleute waren bei der Reise zur Konferenz mehr als sonst gefordert. Erstmals und für die meisten unerwartet, musste jeder selbst für den vollen Preis seiner An- und Abreise aufkommen, was nicht einfach ist, wenn man von Spenden und Messstipendien lebt. Wir haben (nicht nur) spaßeshalber die Anreisewege zur Pastoralkonferenz nach Rostow zusammengezählt und kommen ungefähr auf eine doppelte Weltumrundung: 85.000 km.
Wie weiter? Tatsächlich sollte diese 12. Pastoralkonferenz ein Neuanfang in der weitsichtigeren Planung unserer Tätigkeiten sein. Wir hatten es vor ca. 10 Jahren bereits einmal versucht. Damals jedoch waren viele mehr als heute mit „kirchlichen Feuerlöscharbeiten“ beschäftigt: Vorbereitung auf den Empfang der Sakramente, Kirchbau, Aufbau normaler Beziehungen zu den Behörden etc. Auch heute können wir keine „Fünfjahrpläne“ oder „Strategiekonzepte“ vorlegen. Vieles bleibt in unserer Situation unsicher, nicht zuletzt die künftige Zahl der Priester, denn fast alle sind Ausländer, für eine Zeit nach Russland freigestellt. Wir haben am letzten Abend in Rostow eine Kommission gewählt, die alles Wertvolle der letzten Tage zusammenstellen wird und Sorge dafür trägt, dass es auch außerhalb der Konferenztage weitergedacht und umgesetzt wird.
Schlusswort. Wir haben Kirche in einer besonderen Weise erlebt. Impulse und Eindrücke sind Kostbarkeiten, mit denen wir die Heimreise antraten. Die Freundschaft untereinander gehört zu den großen Geschenken, deren wir uns erneut mit Dankbarkeit bewusst werden durften.