Sonntag, 20. Juni 2010

Patronatsfest u.v.m. in Orsk

Mein Besuch in Orsk ist zu Ende. Am frühen Abend (Ortszeit) bin ich mit einem der Patres aus Orenburg in die Gebietshauptstadt zurückgekehrt. Morgen früh um 8.00 Uhr starte ich von hier nach Moskau und komme dort um 8.00 Uhr an. Ja, um 8.00 Uhr, denn der Flug dauert zwei Stunden, und Moskau liegt zwei Zeitzonen weiter westlich.
Der heutige Sonntagsgottesdienst hatte es - im wahrsten Sinne des Wortes - in sich: von 9.00 bis 12.30 dauerte alles in allem. Wirklich ein bisschen lang, schien mir. Eine Taufe, fünf Firmungen, Bannerweihe und eine Prozession schmückten die sonntägliche Eucharistiefeier, die den Anfang einer Gebets- und Festwoche zum Patronatsfest bildete. Die Pfarrkirche in Orsk wurde der "Muttergottes von der immerwährenden Hilfe" geweiht, genau vor 4 Jahren.
Ich selbst kenne Orsk seit 19 Jahren. Damals war es meine entlegenste Aussenstation: von Marx 1200 km! Es gab da viele Deutsche, die durch den 2. Weltkrieg und seine Folgen in den Südural gekommen waren. Gestern besuchte ich einen verwahrlosten Friedhof. Auf verrosteten Täfelchen las ich Familiennamen wie Hochnadel, Schwabenland und Klein. Ende der 90-er Jahre waren die meisten der noch hier lebenden Deutschen in die Heimat ihrer Vorfahren ausgewandert. Heute ist die Pfarrgemeinde der 300.000 Einwohner zählenden Stadt nicht sehr groß und setzt sich aus ganz verschiedenen Nationalitäten zusammen. Es gibt Eltern und Kinder hier. Das ist leider nicht selbstverständlich in unseren Pfarrgemeinden und darf als Hoffnungszeichen gewertet werden.
Eine besondere Freude war für mich, dass sich unter den heutigen Firmlingen eine junge Mutter befand, die ich seit 1992 aus Stepnoje kenne, einem Flüchtlingsdorf in der Nähe meiner damaligen Pfarrei in Marx. Sie war als Kind mit ihren Eltern aus dem Bürgerkriegsgebiet Tadschikistans an die Wolga gekommen, besser gesagt, in die trockene Steppe, 50 km landeinwärts. Wegen großer sozialer Nöte zu Hause, hatten wir sie dann in unser "Jugendheim" in Marx aufgenommen. So konnte sie einen Beruf erlernen. Bei einem katholischen Jugendtreffen lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, der übrigens auch heute gefirmt wurde. Beide haben einen kleinen Sohn, sind glücklich und zufrieden. Gestern war Zeit für einen Besuch bei dieser jungen Familie.
Orsk lebt von (und stirbt mit -) metallurgischen Kombinaten am Stadtrand, die so viel Schmutz in die Luft pulvern, dass mir gestern Abend schien, um ganz Orsk herum brennen die Felder, bzw. die Steppe. Es war in den letzten Tagen sehr heiß dort: 40 Grad im Schatten. Von der Stadtverwaltung Beauftragte besuchten vorgestern Abend Haus für Haus und verkündeten ein absolutes Gießverbot. Keiner darf mehr in seinem Garten die Blumen und das Gemüse gießen, so knapp ist das Wasser geworden. Strafen sind angedroht.
In ein paar Wochen kommen 20 Jugendliche aus Osnabrück in die östlichste Pfarrei unseres Bistums zu Besuch, berichtete mir der Pfarrer. Auf dem großen Kirchengrundstück wollen sie einen Spielplatz anlegen. Es gibt hier ein Kinderzentrum im Pfarrhaus, das täglich 20 Kinder aus sozial schwachen Familien des Stadtbezirks betreut. Die Geschichten der einzelnen Kinder sind in der Regel tragisch, manchmal erschütternd, z.B. die von den Jungen, die sich auf eine Bank im Freien neben eine Schwester setzten und fragten: "Sie haben doch nichts dagegen, wenn wir trinken?" bevor sie eine Plastikflasche mit Wodka herauszogen; oder die vom Sechsjährigen, der mit anderen Kindern eine Frau auf offener Straße steinigte.
Zurzeit gibt es nur einen katholischen Priester in Orsk. Ihm helfen zwei Ordensschwestern und ein kleiner Stab von Laien bei der Seelsorge und im caritativen Bereich. Die Pfarrei hat einen guten Ruf in der Stadt. Sicher auch deshalb, kam ein Team vom örtlichen Fernsehen und eine Dame der städtischen Internetzeitung, um von meinem Besuch in der Region zu berichten.