Freitag, 23. Juli 2010

Gruss aus dem Nordkaukasus

Schon ueber 48 Stunden im Kaukasus, ist noch keineswegs der Zeitpunkt - nichteinmal - fuer eine Zwischenbilanz gekommen. Ich bin am Tag angereist, als der Terroranschlag auf das Pumpspeicherwerk im nahen Baksan, das "Thema Nummer 1" in den russischen Nachrichten war. Die Kaukasusregion lebt in einer anderen Atmosphaere als die uebrigen Teile der Russischen Foederation. Auch innerkirchlich ist es nicht einfach hier, spuere ich. Manche sind nie ueber ihren „Status“ als Humanitaere-Hilfe-Empfaenger hinausgewachsen und demzufolge heute unzufrieden mit dem, was Kirche geben kann und moechte. Nach der Brotvermehrung waren Jesus viele nachgelaufen, die abermals um Brot baten. Und als er anfing, sich lebendiges Brot vom Himmel zu nennen, gingen sie weg, (vgl. Joh 6). Ich kann gut verstehen, wovon die sehr hilfsbereiten und eifrigen Seelsorger hier muede sind. Gut, dass Ordensschwestern da sind, die – nicht zuletzt mit ihrem eigenen Beispiel – helfen. Heute hatte ich ein interessantes Treffen, mit einem protestantischen Pastor, der eine Stunde zu spaet an der Kirche in Pyatigorsk eintraf, weil die Strassen abgeriegelt waren, teilweise sogar fuer Fussgaenger. Seit sechs Jahren hilft er Drogensuechtigen durch Arbeits-, Wohn- und Gebetsgemeinschaft frei zu werden. Man sieht, er weiss, was das Wort Christusbeziehung bedeutet, besser als mancher Katholik und viele uns dogmatisch naeher Stehende. Nach der Messe in Nowopawlowsk traf ich ein achtjaehriges, intelligentes Maedchen, das taub ist und wegen der langen Warteschlange in Sankt Petersburg vielleicht nie an den OP-Termin kommt, der ihr das Gehoer wieder schenken wuerde, das sie mit etwa zwei Jahren verlor. Eine Ueberraschung vom Pfarrteam war der Ausflug in die Berge. Durch dicke Regenwolken hindurch, fand ich mich nach ein paar Stunden auf 3.800 Metern wieder, direkt vor den beiden majestaetischen Gipfeln des Elbrus, die 5.621 und 5.642 Meter ueber dem Meeresspiegel thronen. Auf dem Heimweg ging es an maerchenhaften Wasserfaellen vorbei, an denen voellig unerwartet, ploetzlich der Pfarrer von Vladikavkaz (Nordossetien) vor uns stand. Im Rahmen der „Ferien mit Gott“ war er mit 15 Kindern und Erwachsenen zu einem Tagesausflug aufgebrochen. Mitte September werde ich seine Gemeinde besuchen.
Kurz hinzufuegen moechte ich noch, dass ich die normalen Temperaturen, die frische Nachtluft und den gestrigen Regen geniesse und schaetze, waehrend das Thermometer in Saratow immer neue Extremwerte erreicht (heute +40). Das ist kein Zahlenspiel mehr, sondern Grund zu grosser Besorgnis wegen der Folgen.
(Foto: Die beiden Gipfel des Elbrus aus 3.800 m Hoehe, leider nur mit einer Handy-Kamera, aufgenommen.)