Sonntag, 18. Juli 2010

Heute vor 10 Jahren starb Sr. Anna Merkowskaja

Am frühen Sonntagabend besuchte ich das Grab von Schwester Anna Merkowskaja, auf dem Marxer Friedhof, draußen, zwischen Stadtrand und Müllkippe. Heute vor 10 Jahren war Sr. Anna verstorben, im „Heiligen Jahr“ 2000. Sie war es, die 1984 mit zwei jüngeren Schwestern aus Kasachstan an die Wolga gekommen war, um den endlich heimkehrenden Wolgadeutschen wieder Religionsunterricht zu geben und um sie auf den Tag „X“ vorzubereiten, an dem möglicherweise wieder einmal ein Pater vorbeikäme, der die Sakramente spenden könnte. Die Nachbarn hielten Schwester Anna für eine Oma, die mit ihren Enkelinnen ein Haus gekauft hatte. Sie hatte das Schicksal der Russlanddeutschen am eigenen Leib erfahren. Sie musste zum Beispiel jahrelang in der „Trudarmee“ am Ufer des Kaspischen Meeres Fische aussortieren. Als das Klosterleben in der Sowjetunion nicht nur verboten war, sondern verfolgt und mit Höchststrafen belegt wurde, baute Schwester Anna mit einer Freundin später ein Häuschen in Kasachstan, mit eigenen Händen. Beide wohnten dort „wie Ordensschwestern“. Später trat sie der aus Litauen heimlich eingetroffenen Gemeinschaft der „Dienerinnen Jesu in der Eucharistie“ im Untergrund bei. Die Oberin wusste selbst nicht, wie Schwester Anna, geb. 1918, im Alter von 66 Jahren auf deren Bitte reagieren würde, an die Wolga zu gehen. (Schwester Anna selbst war am Schwarzen Meer geboren und hatte, wie gesagt, ein Häuschen in Kasachstan gebaut.) Ihre Antwort wird heute den jungen Schwestern im Unterricht wiederholt: „Wenn unser lieber Herr Jesus sogar den Himmel verlassen hat, um uns zu erlösen, wie kann ich da sagen: Nein, ich gehe nicht!?“ Schwester Anna ist somit praktisch die Begründerin der heutigen katholischen Pfarrgemeinde in Marx geworden. Nach drei Jahren Unterricht und Hausbesuchen der Schwestern, zog ein Priester nach Marx, Pater Joseph Werth SJ. Ich lernte Schwester Anna 1991 kennen, als ich hier Pfarrer wurde. Sie hatte auf dem Dachboden schon jahrelang die Bretter für ihren Sarg bereit liegen. Auch, als sie längst nicht mehr Hausoberin war, prägte sie neue Schwesterngenerationen durch ihr demütiges und klares Christsein mit. Zu Ihrer Beerdigung war auch Bischof Joseph Werth, der einstige Pfarrer in Marx, aus Sibirien gekommen. Auf Ihr Grab haben wir Worte aus Psalm 42 geschrieben: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir.“