Donnerstag, 17. März 2011

Hartmut Kania, Direktor Caritas Russland, verstarb heute vor 10 Jahren

Neulich erzählte man mir eine Geschichte. Eine Krankenschwester beschäftigte sich mit der Pflege neuer Patienten und sah plötzlich einen jungen Mann ins Krankenzimmer eintreten. Dann ging sie zum Bett eines alten Mannes, der sich sehr schlecht fühlte, und sagte laut zu ihm:
- „Ihr Sohn ist gekommen!“
Unter großer Anstrengung öffnete der Sterbende die Augen, heftete seinen Blick auf das Gesicht des jungen Mannes und schloss die Augen wieder. Der Gekommene drückte fest die entkräftete Hand des Kranken und setzte sich neben ihn. So saß er die ganze Nacht hindurch, hielt die Hand des Alten mit großer Zärtlichkeit in seiner Hand und sagte ihm Worte des Trostes.
Der Alte starb am frühen Morgen. Trotz aller Schmerzen, die er in den letzten Tagen seines Lebens zu erleiden hatte, war ein Ausdruck der tiefen Ruhe und des Friedens auf seinem Gesicht zu sehen. Die Krankenschwester näherte sich dem jungen Mann, um ihn zu trösten und ihm ihr Beileid auszudrücken. Dieser unterbrach sie allerdings mit der Frage:
- „Wer war dieser Mensch?“
Die erstaunte Krankenschwester antwortete ihm:
- „Ich dachte, er war Ihr Vater!“
- „Nein, er war nicht mein Vater“, erwiderte der junge Mann. „Ich habe ihn vorher nie gesehen.“
- „Warum haben Sie mir denn gestern nichts gesagt, als ich ihm meldete, sein Sohn sei gekommen?“ fragte die Krankenschwester.
- „Als ich seine Augen ansah, verstand ich, dass er seinen Sohn sehr gebraucht hätte, der aus unbekannten Gründen nicht gekommen war. Da er viel zu krank war, um seinen Sohn zu erkennen, beschloss ich bei ihm zu bleiben, seine Hand zu nehmen und ihm zu helfen, damit er sich nicht allein fühlt. Ich spürte, dass er mich braucht, deshalb blieb ich hier.“
Mons. Hartmut Kania
(+17.03.2001)

Die Geschichte der Caritas St. Petersburg ähnelt sehr dieser Geschichte. Ein deutscher Priester beschließt im Jahr 1991, in der Blüte seines Lebens, nach Russland zu kommen und den Benachteiligten dieses großen Landes zu helfen. Hier sieht er viele Nöte: resignierte arme und alleinstehende Männer und Frauen, obdachlose Alte, Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt werden, unheilbar kranke Menschen…. Dieser Priester ist nicht Teil ihrer Familien, er gehört einer anderen Nationalität an, spricht ihre Sprache noch nicht so gut und kann nicht immer ganz verstehen, was sie ihm sagen. Aber er nähert sich diesen Menschen und bleibt bei ihnen, um sie verstehen zu lassen, dass jeder Mensch eine Würde besitzt und der Liebe, der Zuwendung und der Aufmerksamkeit wert ist, denn er besitzt eine menschliche Persönlichkeit und ist ein Kind Gottes.
Dieser Priester hatte unter anderem auch den Traum, ein Haus einzurichten, um dort für verstoßene ältere Menschen zu sorgen und dort Menschen heranzuziehen und auszubilden, die fähig wären, sich den Bedürftigen zu nähern und sich wie ihre Kinder und Freunde zu fühlen.
Der Priester hieß Hartmut Kania. Er starb vor zehn Jahren am 17. März in Berlin. Unser Herr ließ ihn seinen Traum zu Lebzeiten nicht mehr erfüllt sehen. Pater Hartmuts Körper liegt in der Erde seines Geburtslandes, aber sein Herz lebt weiter in der Caritas St. Petersburg und in allen ihren Projekten. Seine Augen und seine Hände leben auch unter uns und mit uns. Wir Mitarbeiter und Freiwilligen der Caritas St. Petersburg fühlen uns berufen, sein Werk fortzusetzen.
Wir wollen Kinder und Freunde für die Menschen sein, für die wir sorgen. Wir wollen, dass unser Da-Sein für diese Menschen, unsere Hände und unsere Worte zu einer Verkörperung jener herzlichen Leidenschaft von Pater Hartmut werden, die wir besonders deutlich dann empfinden, wenn wir mit einem einsamen und des Trostes bedürftigen Menschen zusammen sind. Jeder, der bei der Caritas arbeitet, könnte viele Geschichten erzählen, die ähnlich klingen wie die über den jungen Mann. Vor allem aber könnten sie erzählen, dass Mütter und Kinder in Not, Obdachlose, ältere, kranke und behinderte Menschen auch uns, den Helfern, die für sie sorgen, hilfreich sein können, indem sie uns menschlicher und einfacher machen. Sie befähigen uns, Liebe zu schenken und unsere Herzenswärme mit anderen zu teilen. Sie zeigen uns ein viel besseres Bild von uns selbst, als wir von uns vermutet hätten, wenn wir uns selbst nur immer beschränkt und egoistisch sehen.
Hartmut-Kania-Haus
Sankt Petersburg
Deshalb können der Staat, die Gesellschaft und die Familien sich nicht vorstellen, welchen großen menschlichen Reichtum sie verlieren, wenn sie diese Menschen nur deshalb alleinlassen, weil sie keinen großen Nutzen mehr bringen, weil sie handlungsunfähig sind oder weil sie dadurch stören, dass sie einen so großen Zeitaufwand beanspruchen.
Heute möchten wir dem Herrn für alle Menschen danken, die ihren großen Beitrag der Herzlichkeit, der Zuneigung, der Nähe zu bedürftigen Menschen, des Trostes und der Freude mitbringen. Wir danken für alle tatkräftigen Mitarbeiter, für die Geistlichen und die uneigennützigen Freiwilligen. Wir sind dankbar und beten natürlich für alle Menschen, die uns solidarisch zur Seite stehen, uns mit Spenden und im Gebet unterstützen. Ohne diese Menschen wäre unsere Arbeit nicht so nachdrücklich und so erfolgreich.
Wir bitten den Herrn um seine Gnade, seine Kraft und seinen Segen, damit wir weiterhin ein Zeichen des Trostes und der Hoffnung für die Bedürftigen sein dürfen. Mit seiner Gnade und Ihrer Solidarität hoffen wir, noch viele Jahre für unsere Mitmenschen lebendige Zeichen der Liebe und der Herzensgüte zu sein, wie Pater Hartmut es uns gelehrt hat.

Pater Mariano Jose Sedano Sierra, cmf
Geistlicher Beirat der Caritas St. Petersburg