Dienstag, 5. April 2011

Erste Begegnung mit "Marx"

Erstes Treffen mit P. Joseph Werth SJ
Die Daten habe ich im Gedächtnis, wie Geburtstage von Verwandten. Darum komme ich heute nicht um die Erinnerung herum, wie mich "Pater Joseph" kurz nach Ostern 1991 einlud, um seine Gemeinde anzuschauen. Er wußte vom Nuntius, dass er in den nächsten Tagen zum Bischof für Sibirien ernannt werden sollte, und suchte deshalb nach einem Nachfolger für seine Gemeinde an der Wolga, wie ein Feuerwehrmann im Rauch nach einem Hydranten. Ein Problem war, dass er selbst noch nicht darüber sprechen durfte.
Am 5. April flog ich von Duschanbe über Kujbyschew (heute Samara) nach Saratow. Es gab so viele Flüge, dass man mich beim Umsteigen ohne Probleme mit einer früheren Maschine als geplant mitnahm. In Saratow mußte ich schließlich dennoch warten, bis ich am Abend von jungen Leuten aus Marx abgeholt wurde. Als die dann einem Verkehrspolizisten Strafe zahlen mußten, baten sie mich, es Pater Joseph nicht zu sagen. "Ah, ist er wirklich so streng, wie man sagt", dachte ich.
Modell der neuen Pfarrkirche 
Auf dem Tisch im Pfarrhaus stand das Modell der zu bauenden Kirche. Zum ersten Mal nach 1917 plante da jemand in Russland den Bau einer neuen katholischen Kirche! Als einziger Priester im Umkreis von Tausenden Kilometern, träumte Pater Joseph von einem Zentrum für die wolgadeutschen Katholiken, die in letzter Zeit in ihre Heimat zurück kamen.
Besonders der Sonntag (7.4.91) zeigte den Umfang der Arbeit vor Ort, ungeachtet der über 50 "Außenstationen", die im Radius von 1.200 km von Marx aus betreut wurden.
Nach der Sonntagsmesse vor dem Bethaus
Im dicht gefüllten Bethaus in Marx feierten wir am Morgen Erstkommunion. Danach ging es sofort zu einer Beerdigung nach Raskatowo. Das war ein Dorf mit vielen deutschsprachigen Heimkehrern aus Kasachstan. Dort feierten wir ein Requiem in einem - natürlich wieder überfüllten - Haus mit verschlossenen Fenstern, am offenen Sarg. Dass es ebenda, gleich danach Mittagessen gab, wollten weder meine Ausländermentalität, noch mein Magen so recht mitmachen.
Beerdigung in Raskatowo
Dann ging es, wegen des Tauwetters, auf Umwegen, zum Friedhof zur Beerdigung. Unmittelbar im Anschluss fuhren wir mit Pater Joseph, der unlängst seinen Führerschein gemacht hatte, weiter nach Saratow. Hinten im Auto saßen Schwestern, die mit uns Rosenkranz beteten. Saratow war damals Außenstation von Marx! 
Außenstation Saratow: Heilige Messe im Keller
Einmal im Monat feierte Pater Joseph dort in einem Keller mit einer Gruppe schwererziehbarer Jugendlicher, deren Erzieherin und ein paar anderen Interessenten die Sonntagsmesse. Danach kehrten wir im Dunkeln nach Marx zurück.
Am 9. April frühmorgens, vor meinem Rückflug nach Duschanbe, fragte Pater Joseph, ob ich die Gemeinde übernehmen würde, wenn er eines Tages hier "weg müsste". Meine Antwort lautete in etwa: "Man kann die Leute ja nicht alleine sitzen lassen." - Wenige Tage später las ich in der sowjetischen Zeit "Izvesita", dass Papst Johannes Paul II. zwei Bischöfe ernannt hat: Thaddaeus Kondrusiewicz und Joseph Werth. - 20 Jahre ist das her.