Sonntag, 3. Juli 2011

497 km zur Sonntagsmesse

Wir brachen früh um 4.00 Uhr auf, weil wir uns für 10.00 am Kontrollpunkt der Zone, mitten im Wald von Mordowien, angemeldet hatten. Genau auf halbem Weg nach Moskau, befinden sich seit 80 Jahren die Gefangenenkolonien, von denen eine die Nummer „22“ trägt. Dort hatten wir vor 12 Jahren eine Kirche gebaut, denn alle Ausländer, die in Russland verurteilt wurden, kamen dort hin, um ihre Strafe abzubüßen. In Spitzenzeiten waren das bis zu 450 Männern in Kolonie 22. Da viele aus afrikanischen Staaten stammten, war der Prozentsatz von Katholiken unter den Gefangenen hoch. Inzwischen gibt es ein neues Gesetz: Egal ob Ausländer oder Russe, man büßt seine Strafe jetzt dort ab, wo man verurteilt wurde, irgendwo im weiten Russland. Dementsprechend wird die Zahl der Katholiken in „Heilige Familie“ - auf diesen Titel ist die Kirche in Kolonie Nr. 22 geweiht - immer kleiner. Heute waren es 21 Männer, die zur Sonntagsmesse kamen, knapp die Hälfte von ihnen aus Afrika, und ebenfalls fast 50 % aus Vietnam. Pater Jan, der die Gefangenen bisher zweimal im Monat besuchte, ist schwer krank. Gestern hatte ich mit ihm telefoniert. Ich habe es den Gefangenen erzählt. Die frei formulierten Fürbitten dauerten daraufhin über 20 Minuten, besonders wegen der Bitten für Pater Jan. Bevor er nach Weißrussland und Russland kam, war er Missionar in Afrika. Er hat die Gefangenen ins Herz geschlossen, und sie ihn.
Wenn man mit dem Zug dort hin fährt, muss man in Pot’ma aussteigen. Wie das Schicksal so spielt: „Pot‘ma“ heißt übersetzt „Finsternis“, „dunkelste Dunkelheit“.
Ich hatte Sr. Irina, eine der englischsprechenden Novizinnen aus Marx mitgenommen. Auf längeren Strecken ist es hier immer besser, nicht allein zu fahren. Und für sie war es ein bisschen Praxis, neue Erfahrung und sicher auch Motivation fürs Gebet.
Wir wurden sehr freundlich vom neuen Chef der Kolonie empfangen. Für die Zeit innerhalb der Kolonie war der Politbeauftragte für uns verantwortlich, ein unerwartet normaler junger Mann. Halb elf begann die Beichte für die Gefangenen, und gegen elf die heilige Messe in Englisch und Russisch. Die Afrikaner sangen mit viel Temperament. Die Vietnamesen beteten in ihrer Sprache. Am Ende der Messe richtete ich Grüße von der Partnergemeinde aus, von „Heilige Familie“ aus Dresden. Für diese Männer ist jedes Zeichen von Freundschaft und Anteilnahme sehr wichtig. Viele sind für 7 Jahre hier in „Nr. 22“.
Anschließend fragte ich beim Personal nach dem ehemaligen Chef der Kolonie. Sie riefen ihn an, und er lud uns ein. Eine seiner Enkeltöchter war heute früh in der orthodoxen Kirche getauft worden. Die große Familie saß beim Mittagessen, als Sr. Irina und ich eintraten. Wir wurden als hohe Gäste begrüßt und bewirtet, bevor wir uns auf den Heimweg machten.