Donnerstag, 13. Oktober 2011

111 Jahre alte Zeitungsmeldung ("Schnappszahl")

Die einstige katholische Diözese Tiraspol (gegr. 1848) hatte ihre eigene Wochenzeitschrift Namens „Klemens“. Sie erschien jeweils mittwochs, in Saratow, in deutscher Sprache. Zu den kirchlichen Nachrichten aus aller Welt, gesellte sich Erheiterndes und Erschreckendes, eben so, dass die Zeitung von vielen gelesen wurde. In der Ausgabe vom 3. Oktober 1900 beruft man sich auf den Seiten 6 und 7 auf einen Korrespondenten der Zeitung „Novoe Vremja“ („Neue Zeit“) und berichtet über ein Ereignis im Norden des großen russischen Zarenreiches:Die Leichtgläubigkeit der hiesigen Bauern, schreibt der Korrespondent der „Nov. Vrem.“ – ist doch wirklich erstaunlich. Das Gerücht von der am 1. September eintretenden Preissteigerung des Branntweins, wobei es sich um eine Verdoppelung des bisherigen Preises handelte und das Wedro (Anm.: ein Eimer) in Zukunft 14 oder gar 15 Rubel kosten sollte, rief eine bemerkliche Erregung unter der Bevölkerung hervor, für welche der Feiertagstrunk ein unumgänglicher und durch nichts zu ersetzender Genuß ist. Namentlich zeigte sich das in den abgelegeneren Gegenden des Kreises, wie zum Beispiel in den Gemeinden Borisotschinsk, Lukinsk, Derewsk u.s.w. Die Versicherungen einiger Leute, dass das Gerücht unbegründet sei, und allenfalls eine Erhöhung des Preises um 40 Kopeken pro Wedro stattfinden werde, wurden mit offenbarem Mißtrauen aufgenommen. „Hört doch, - das sagt man uns absichtlich, damit wir uns keinen Vorrat beschaffen und warten sollen, bis wir das Doppelte zu zahlen haben.“ Und auf Grund dieser Schlußfolgerung stürzten sich die Bauern auf den Branntwein. Die fiskalische Branntweinsbude im Dorfe Petrowo welche sonst für nicht mehr als 100 bis 150 Rubel in der Woche verkaufte, hatte gegen Ende August in demselben Zeitraum einen Umsatz von 1400 Rubeln. Der Verkäufer konnte die Menge der Kauflustigen kaum befriedigen, da immer wieder neue Scharen herbeiströmten. Sie versorgten sich für Maria Schutz und Fürbitte, den Nikolaitag, Heiligendreikönig und die Butterwoche. – „Besser – so hieß es – jetzt 7 Rubel als nachher 15.“ Jetzt sind alle diese vorzeitigen Käufer tief enttäuscht. Nachdem sie sich überzeugt haben, daß der Branntweinpreis der alte geblieben und eine Steigerung nicht vorauszusehen ist, kommt es bei ihrer bekannten Schwäche darauf heraus, daß sie die unnützer Weise angehäuften Vorräte angreifen, was in verschiedener Hinsicht ihnen nicht aber zum Vorteil gereicht. Die naive Leichtgläubigkeit der Leute erklärt sich zum Teil durch das gänzliche Darniederliegen der Bildung unter der fast durchweg des Lesens und Schreibens unkundigen Bevölkerung.“