Seit meinem letzten Besuch im Herbst, war kein katholischer Priester bei den Gefangenen in Kolonie Nr. 22 in Mordowien gewesen. Pater Jan ist schwer krank, und einen anderen fand ich bisher nicht. Nun fiel Weihnachten genau auf einen Sonntag, den Tag, an dem wir die Gefangenen besuchen könnten, weil sie nicht arbeiten. Ich überlegte hin und her. Das Thema ließ mich nicht los. Schließlich bat ich den Moskauer Erzbischof um Hilfe. Ich suchte einen russisch- und englischsprachigen Priester, der Weihnachten "frei" wäre. Liegt doch Mordowien auf halbem Weg nach Moskau... Weihnachten mit einer heiligen Messe - das ließ sich natürlich auch der frommste Häftling nicht träumen. Aber es kam so. Schon am Tag nach meinem Anruf in Moskau, bekam ich eine positive Antwort. Dann klärten wir schnell alle Formalitäten mit der Leitung von Kolonie Nr. 22. Wie bei den letzten Malen, spürte ich deutliches Entgegenkommen. Praktisch gestaltete sich die Sache so: Pater Anthony, amerikanischer Jesuit, setzte sich Heiligabend (!) in Moskau in den Zug, den er am frühen 25. Dezember, noch im Dunkeln, in der letzten größeren Siedlung vor den Gefängnissen im mordwinischen Wald verließ. In der einzigen Gastwirtschaft der Siedlung nahm er für den "25." ein Zimmer und wartete dort, bis am Vormittag ein Auto kam, um ihn ins Gefängnis abzuholen. Er wurde auch wieder zurück gebracht und mußte dann bis abends gegen 23.00 Uhr auf den Zug zurück nach Moskau warten. Zu der Zeit bekam ich eine SMS von ihm, dass alles in Ordnung wäre und gut gegangen sei. Telefonisch kann ich ihn immer noch nicht erreichen. Er müßte seit gestern früh wieder in Moskau sein. Ich bin ihm sehr dankbar für dieses opferreiche Weihnachtsgeschenk, dass er den katholischen Ausländern im Strafvollzug in Mordowien gemacht hat.
