Samstag, 22. Dezember 2012

Hirtenbrief

Zu Weihnachten weckt die den Bischöfen zugedachte Aufgabe des "Hirtenbriefs" eine ungewöhnliche Assoziation. Das biblische Wort vom "guten Hirten" wird da ein wenig von den "Hirten auf Betlehems Feldern" überdeckt. Jene aber hatten Schreiben aller Wahrscheinlichkeit nach nie gelernt. Das beleuchtet ein wenig meine Situation, wenn es um Hirtenbriefe geht. Seit Anfang Oktober begleiteten mich Gedanken an einen Brief für unsere Pfarrgemeinden und die Gläubigen in der fernen, gemeindelosen Diaspora. Erst sollte es ein Brief zum Beginn des Glaubensjahres (11. Oktober) werden, dann einer zum Ersten Advent. Nun wurde er erst heute fertig. Nicht lang, im Großen und Ganzen über ein Wort des heiligen Petrus Chrysogolus, der das Gleichnis vom verlorenen, verwundeten Schaf auf Adam und (den guten Hirten) Christus bezieht. "Christus", so schriebt er, "fand Adam im Schoss Mariens", er "zog ihn an, ... heftete ihn in seinem Leib ans Kreuz, ... und nahm in mit in den Himmel, zu den anderen neunundneunzig", womit dann die Engel gemeint sind. Ich hoffe, dass uns die theologisch mystische Betrachtung des Chrysogolus hilft, mit dem Herzen mehr im Himmel zu leben, als auf der Erde. Keine Weltflucht ist damit gemeint, sondern eine Lebenseinstellung. Vielleicht haben Glaubens- und Kirchenkrisen darin ihren primitiven Grund, dass wir - ehrlich gesagt - doch ziemlich an der Welt hängen und ihr ständig nachlaufen, statt Christus nachzufolgen. Ohne Nostalgie: Die Menschen früherer Jahrhunderte hatten uns da etwas voraus. Aber Marx war nicht der Einzige, der dem nichts abgewinnen konnte und sich mit seiner Theorie über das "Opium für das Volk" rechtfertigte. - Wenn wir Weihnachten den Geburtstag Christi feiern, der Adam "gefunden" hat, dann müsste das eigentlich Folgen haben...