Montag, 12. Mai 2014

Prioritäten

Eineinhalb Tage im Büro, zwischen Tambow und Dresden - das ist zu wenig Zeit, um alles aufzuarbeiten, was da am Schreibtisch wartet. Zudem war ich am Morgen wegen der gesperrten (einzige) Brücke zwischen Saratow und Engels in einen solchen Stau geraten, wie ich ihn hier noch nicht gesehen habe. Statt einer Stunde, brauchte ich zweieinhalb zur Arbeit. Und dann setzte der Herr seine eigenen Prioritäten: Der Ehefrau eines vor Monaten verstorbenen Katholiken geht es sehr schlecht. Schon vor drei Tagen, noch unterwegs in Moskau, erreichte mich der Anruf ihres Sohnes. Sie würde sich freuen, wenn jemand "von uns" vorbei käme. Die Frau ist weder katholisch noch orthodox. Aber sie ist Christin, liest in der Heiligen Schrift, betet und hat ein gutes Herz. Am Mittag fuhr ich zu ihr und überlegte, wer die Tür öffnen würde, wenn sie es nicht kann. Ich trat durch das Hoftor, dann durch die alte hölzerne Haustür, stieg die knarrende Treppe nach oben, klopfte beim Nachbarn.... Niemand öffnete. Dann klopfte ich an die Wohnungstür der Frau. Keine Reaktion. Die Tür erwies sich als offen. Ich trat ein und fand sie im kleineren der beiden Zimmer, ohne Kraft sich zu bewegen und zu sprechen. "Ja" und "nein" konnte sie mit einer ganz leichten Kopfbewegung zu verstehen geben. Ob sie etwas trinken wolle? - Nein. Ob sie Schmerzen habe? - Nein. Ob wir zusammen beten wollen? - Ja. 
Unser Saratower Pfarrer hielt am Wochenende Vorlesungen in Sotschi. Pater Reinhard war schon vorgestern bei der guten Frau. Ich freue mich, dass ich heute diesen Besuch machen konnte. Ich fand heraus, dass der Sohn um 19.00 Uhr von der Arbeit käme. Ob jemand bei ihr bleiben solle? - Nein. Da ich die Frau kenne - wir haben manchmal über den Glauben gesprochen, bot ich ihr die Krankensalbung an, die auch ihr katholischer Ehemann in den letzten Tagen seines Lebens hier empfangen hatte. - "Ja", war ihre wortlose Antwort.

Nachtrag 14.5.14: Gestern Abend ist Frau Kin verstorben. Sie wußte seit Jahren von ihrer schweren Krankheit, wollte aber scheinbar ihren bettlägerigen Mann nicht allein lassen und hatte die Kraft gefunden, ihn bis zum Schluß zu pflegen. Sie hat ihm im wahrsten Sinne ihr Leben geschenkt. Der Herr gebe ihr nun ewige Ruhe und ewigen Lohn.