Donnerstag, 23. Oktober 2014

Bürosessel, Autositz, Beichtstuhl, ...

Nach meiner Bischofsweihe im Juni 1998 war ich etwa zwei Jahre lang "Bischof in Saratow und Pfarrer in Marx". Ständig war ich auf der Suche nach Vertretungen für Marx, weil ich, zumindest an den Sonntagen, in anderen Pfarreien zu tun hatte, vom Ural bis ans Schwarze Meer. War ich aber zu Hause, ging es täglich hin und her: Ich war von 9.00 bis 16.30 Uhr im Büro in Saratow, ab 17.30 in der Pfarrei in Marx, nach der Abendmesse häufig noch in einem der Dörfer zur Katechese. Spät abends oder früh morgens fuhr ich die 60 km zurück nach Saratow, und ab 9.00 Uhr saß ich wieder im Büro ... Ich erinnere mich jetzt daran, weil ich in dieser Woche die Gottesdienste in Marx übernommen habe. Der Pfarrer ist noch im Urlaub. Je länger ich da bin, um so häufiger werden die - in einem fast flehend direkten Sinne - Augenblicke, ... Augen-Blicke, mit welchen Leute nach der Messe hinten in der Kirche stehen und warten, bis ich komme. Es sind immer Frauen, oft mit großen Sorgen. Oder es sind Kinder, die ein paar Worte wechseln wollen und sich freuen, als ob wir fast Verwandte sind. Ich habe in den letzten Monaten wenig von unseren Armen erzählt, weil sie nicht auffallen, selbst mir nicht, wenn ich anderes zu tun habe. Traurig, das feststellen zu müssen. Und schön, ein Stück Zeit mit ihnen verbringen zu dürfen. Heute Abend fuhr ich von Saratow nach Marx (Foto), um morgen um 8.00 Uhr dort mit einer Handvoll Leuten Eucharistie zu feiern. Im Anschluss kommt eine junge Mutter zum Taufgespräch. Der Vater ihres Kindes wird wohl nicht mitkommen. Vor ein paar Jahren hat sie in Marx eine Ausbildung gemacht und mit anderen Jugendlichen bei uns im Haus neben der Kirche gewohnt. Danach geht's nach Saratow auf Arbeit.