Samstag, 6. Dezember 2014

Um diese Sankt-Nikolaus-Kirche herum...

... dreht sich heute alles. Sie ist die symbolische Mitte meiner Gespräche am Morgen, der Treffen am Nachmittag und des Festes am Abend. Wir feiern Patronatsfest unserer Pfarrei in Wolgograd.

Fortsetzung:
Am Morgen waren es Einzelgespräche. Am Nachmittag dominierte das Treffen mit den Mitarbeitern und Volontären der Caritas. Zur Abendmesse waren viele gekommen. Ob nun wegen des Patronatsfestes oder des Bischofs oder "Sankt Nikolaus" und seiner Geschenke (zu Hause gibt's den Brauch hier nicht), sei dahingestellt. Anschließend ging das Fest weiter in den Gemeinderäumen. Den Hauptanteil derer, die blieben, bildeten Kinder und ihre Mütter. Wolgograd ist eine fast 100 km langgezogene Stadt. Hier einfach mal kurz am Abend zur Kirche zu kommen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ist vielen praktisch unmöglich.
Den heiligen Nikolaus nach der Messe spielte ein junger Mann, der über das Bistum Osnabrück ein freiwilliges soziales Jahr bei der Caritas Wolgograd macht. Jakob spricht noch nicht so gut russisch, er wurde von einem "Engel" übersetzt. Die Kinder nahmen ihn dennoch sehr ernst, sagten Gedichte auf und erzählten ehrlich, wie sie sich in der Schule benehmen.

Noch etwas Interessantes: Die Wolgograder Sankt Nikolaus Kirche ist über 100 Jahre alt. Wenn ich mich nicht irre, wurde sie 1898 fertiggestellt und geweiht, jedoch schon 20 Jahre später enteignet. Sie hatte die Schlacht um Stalingrad überstanden, brach aber später, in Friedenszeiten, zusammen. Letzter Nutzer war ein sozialistischer "Klub der Eisenbahner". Ich kann mich gut an die Ruine Anfang der 90-er erinnern (s. Foto). Sie unterschied sich nicht von Kriegsruinen, die ich als Kind noch in Dresden sah. "Nur abreißen hat Sinn", dachte ich damals. Österreichische und deutsche Kriegsveteranen finanzierten den Wiederaufbau als Zeichen ihrer Bitte um Verzeihung und Versöhnung. Als Pfarrer von Marx war ich am Tag der erneuten Weihe der Kirche dabei (zweite Hälfte der 90-er Jahre), die der Moskauer Erzbischof Kondrusewicz vollzog.