Mittwoch, 13. Mai 2015

Beerdigung einer armen Frau

Pater Tomasz, der Pfarrer, hatte mir alles überlassen, sowohl das Requiem in der Kirche, als auch die Beerdigung am Friedhof. Seit über 20 Jahren kenne ich die Familie: 1993, als sie aus dem Bürgerkrieg in Tadschikistan zu uns kamen, waren die beiden Töchter 9 und 13 Jahre alt. Der Sohn kam hier zur Welt. Ihre Väter kennen die Kinder nicht. Es war zum ersten Mal, dass ich eine Mutter meiner "Reli-Kinder" (Kinder, die zu mir in den Religonsunterricht kamen) beerdigte. Sie war jünger als ich. Als Evangelium für die Messe hatte ich das von Lazarus und dem Reichen ausgesucht. Der Sarg, billige Bretter mit rotem Tuch umspannt, stand in der Messe vor dem Altar. Beim Heraustragen läuteten die (einst für das Jugendhaus in Altbuchhorst bei Berlin gedachten) Glocken. Seit ich hier in Marx nicht mehr Pfarrer bin, scheint der Friedhof um das Dreifache größer geworden zu sein. An vier verschiedenen Stellen waren bereits reihenweise Gräber für künftig Verstorbene ausgebaggert, wie zu Zeiten einer Seuche oder im Krieg oder im Winter. Alles ging einfach zu, auch das anschließende Mittagessen in einer alten Kantine. Ich konnte nicht absagen, (obwohl ich das früher als Pfarrer prinzipiell getan hätte, um niemanden zu bevorzugen). Wir gehören seit über 20 Jahren zu einer "Familie". Ein Bürgerkrieg hatte diese armen Menschen damals 3.000 km weit bis hier an die Wolga gespült. Hier sind wir Geschwister geworden, durch den Glauben und die Hoffnung, die uns auch heute getragen haben.