Montag, 11. Mai 2015

Wieder in Saratow

Das gesamte Programm für meinen Aufenthalt in Orenburg hatte sich auf den Sonntagvormittag konzentriert. Maiandachten werden dort vor der täglichen Messe gehalten. Ich vermute polnische Herkunft hinter dieser Tradition. Ein kleines Schulmädchen hatte bereits Freitag und Samstag seinen Psalm für die Sonntagsmesse geübt. Begrüßt wurde ich zu Beginn der Messe von Pater Waldemar, dem Pfarrer, dann von älteren Gemeindemitgliedern - mit einer Rede und einem emotionalen Gedicht über Kirchenglocken, dann von Vorschulkindern mit vielen Blumensträussen. Anschließend nutzten wir das "Cafe", wie man hier seit 20 Jahren einen Gemeinderaum nennt, für Begegnung und Imbiss. Es war herzlich, feierlich und schön, auch wenn es mir schien, als ob ich ein wenig Müdigkeit - im Pfarrhaus? - spürte. Aus so etwas darf man natürlich weder einen Vorwurf, noch Gerede machen. In den Zeiten zwischendurch besuchte ich die Schwestern, die nicht weit von der Kirche entfernt wohnen, und machte einen Spaziergang mit dem Pfarrer in den "Park des Sieges" - eins der Freilicht-Militärmuseen, wie es sie in jeder größeren Stadt Russlands gibt. Dort trafen wir viele Spaziergänger. Kinder turnten auf regennassen Panzern herum. Es fiel mir schwer, lange hinzuschauen. Als wir an einer Dampflok von 1941 vorbei kamen, fiel Pater Waldemar ungewollt auf, dass in jenem Jahr auch die Wolgadeutschen mit Zügen nach Kasachstan und Sibirien deportiert wurden. Wieviel Leid hat der Krieg gebracht!

Heute am frühen Morgen kehrte ich über Samara nach Saratow zurück. Die kleine L-410 war schwach besetzt. Heute ist noch arbeitsfrei in Russland. Im Laufe des Nachmittags kommen auch der Generalvikar (von einem Jugendwochenende in Wolgograd), sowie Pater Bosco und Pater Sergio, unsere Studenten, (aus Sotschi) zurück. 
Im Krankenhaus in Marx ist gestern eine Frau (noch keine 50) verstorben, die 1993 mit ihren Kindern aus dem Bürgerkrieg in Tadschikistan geflüchtet - und in dem armen Dorf Stepnoje (bei Marx) gestrandet war. Ich fragte heute bei einer der Töchter, was ich helfen könne. Sie war etwa 10 Jahre alt, als sie damals hier ankamen und wir uns beim Religionsunterricht kennenlernten. Ihre Antwort auf meine Frage war: "Wenn ich ehrlich sein soll, wir haben Probleme mit dem Geld. Die Beerdigung ist Mittwoch. Kommen Sie bitte."