Sonntag, 12. Juli 2015

Eine gelungene Überraschung

Es war ein besonderes Erlebnis, nicht zuletzt für mich selbst, wie unser unerwarteter Besuch in Syzran und in Uljanowsk angenommen wurde. Wovon wir oft sprechen, hat sich gestern und heute in der Praxis bestätigt: Unsere kleine, weitverstreute Diasporakirche ist wie eine Familie. Die drei Ordensschwestern und ich wurden aufgenommen wie Verwandte. "Sie haben mir eine große Freude damit gemacht, dass Sie keine Angst hatten, unangemeldet zu kommen", sagte mir Pater Ezequiel, der Pfarrer, am Abend. Vor der Messe am Morgen erzählte mir eine Frau, sie hätte darum gebetet, dass ich komme. Zum Mittagessen wurde aufgetischt, als ob alles längst geplant war. Betroffen machte uns die Nachricht von einer wolgadeutschen 92-jährigen Frau aus der Nähe von Syzran, die unserer Gemeinde nicht bekannt war. Seit vielen Wochen war klar, dass sie an Krebs in der Leber sterben würde. Sie konnte inzwischen weder essen noch trinken. Da bat Sie ihre Kinder, einen katholischen Priester zu rufen. Weil die Kinder (selbst schon um die 70 Jahre) nichts von katholischer Kirche wussten, brachten sie einen orthodoxen Priester. Den wollte die Sterbende nicht. (Sie selbst kann nur als Kind einen katholischen Priester gesehen haben. Das Wort Ökumene wird ihr nie im Leben jemand erklärt haben.) Dann riefen die Kinder ins 180 km entfernte Samara an, erfuhren, dass es in Syzran eine katholische Gemeinde gibt, fanden nach ein paar Tagen Alexander und Snezhana, die riefen nach Uljanowsk an. Dort war Religiöse Kinderwoche: Pater Ezequiel befand sich mit 45 Kindern auf einer Insel in der Wolga. Darum dauerte es noch drei Tage, bis er die Sterbende  in ihrem Dorf, 40 km von Szyran entfernt, aufsuchen konnte. Er spendete ihr die heiligen Sakramente. Eine Stunde später war sie tot. - Wie viele solche Menschen wird es noch geben, von denen wir nichts wissen, und die nicht wissen, dass wir - ihre katholische Kirche - schon ein viertel Jahrhundert wieder da sind?

Schwester Helena und ihre Novizinnen sind nach dem ungewöhnlichen Ausflug wieder zu Hause in Marx. Hier nur noch ein Foto vom 405 km langen Heimweg: Abends kommen im Sommer immer die Kühe von der Weide (besser gesagt: aus der Steppe) nach Hause. Das ist in jedem Dorf an der Straße so. Wenn man da im Halbdunkel eines dieser Exemplare kurz vor dem Überqueren der Fahrbahn bemerkt, hat Hupen oder "schnell noch vorbei" keinen Sinn. Anhalten und warten ist die einzig richtige Reaktion auf den permanent phlegmatischen Trott.