Donnerstag, 2. Juli 2015

Donnerstag in Marx

Während es gestern nur eine versehentlich abgeschaltete Telefonnummer war, ist mein heutiger Tag einem wichtigeren bürokratischen Anliegen gewidmet: Einmal im Jahr muss man sich hier als in Russland lebender Ausländer bei der Polizei melden und sagen, dass man noch da ist. Dazu gehören unter anderem eine Einkommensbescheinigung, ein Wohnungsnachweis und eine Auflistung der Auslandsreisen im vergangenen Jahr (wann, wohin, warum). Mein Wohnsitz befindet sich in der Kleinstadt Marx. Darum kam ich am Vormittag hier an und traf gerade noch die letzten "RKW-Kinder", die in den kommenden drei Tagen draussen in der Natur ihre "Ferien mit Gott" verbringen werden. Die anderen waren schon abgefahren. Irgendwo in der Steppe steigen sie aus und laufen die letzten Kilometer zu Fuss. Das ist für viele der Höhepunkt der Kinderwoche: draussen übernachten, am Feuer sitzen, ... In der Pfarrküche waren zwei Grossmütter mit der Zubereitung des Mittagessens für die 30 Kleinen (von 7-11 Jahren) und deren Helfer beschäftigt. Jemand holt es dann ab. Ihr Zeltlager schlagen die Kinder 30 km von hier auf. Ob sie morgen auch das Essen machen würden, fragte ich die beiden Frauen. Sie wüßten es noch nicht, kam als Antwort. "Wenn uns die Schwestern rufen, kommen wir." Die Meldestelle bei der Polizei öffnet heute um 13.45 Uhr. Pater Tomasz, der Pfarrer, riet mir, etwa anderthalb Stunden später zu gehen. Dann sei der Andrang nicht mehr so groß. Jetzt, bei der Hitze, ... Im Flur vor dem Sprechzimmer gibt es nur wenige Sitzmöglichkeiten. Die Latex-glatten Wände können da schon mal leicht ins Schwitzen kommen.
Nachtrag 22.00 Uhr: Hat alles wunderbar geklappt. Der Rat von Pater Tomasz war prima. Anderthalb Stunden nach Öffnung der Meldestelle war der Flur zwar noch relativ voll besetzt (es gab Stühle), aber nicht vor meiner Tür. Dort war ich der Einzige. Es dauerte keine drei Minuten, da war ich wieder draussen. Schnell und zuvorkommend schaute die Chefin meine Papiere durch und setzte die nötige Unterschrift darunter.
Eine Jugendliche aus Alexejewka ist zu Besuch nach Marx gekommen, etwas über 1.000 km, zum ersten Mal allein, mit drei Linienbussen (umsteigen 900 km und 365 km vor Marx, also in Ufa und in Samara), eine lange Fahrt, ca. 24 Stunden!
Heute wurde in Vilnius eine 92-jährige Ordensschwester begraben, die in der schweren sowjetischen Zeit eine große Rolle für die "Dienerinnen Jesu in der Eucharistie" gespielt hatte: Schwester Susanna. Ich war ihr mehrmals begegnet. Vorgestern war sie verstorben. Leider war alles zu knapp, um jemanden von hier an der Beerdigung teilnehmen lassen zu können. Wir haben hier für sie gebetet.