Samstag, 4. Juli 2015

So alt wie Sie

Früh halb sechs klingte mein Telefon. Der Vater einer unserer jungen Schwestern ist heute Nacht ganz unerwartet verstorben. Sie war gerade die zweite Nacht mit 30 Kindern zum Zelten draußen in der Steppe. Nach der Morgenmesse und dem Frühstück im Freien, wäre sie mit einer großen Katechese dran gewesen. Der Anruf änderte alles. 
Ein paar Stunden später stand die Frage: Würde sie es zur Beerdigung schaffen, nach Sibirien, 2.650 km von Marx entfernt? Die bescheidenen Schwestern dachten an eine Bahnfahrkarte, zu Deutsch: 50 Stunden bei hochsommerlichen Temperaturen, womöglich ohne Klimaanlage, auf einer Pritsche, mit über 40 weiteren, nicht unbedingt nüchternen Reisenden im Wagon. 
Wieder etwas später: Im Zentrum des Rayons, wo der Vater verstorben war, gibt es keine Kühlkammern, darum müsse schon morgen beerdigt werden. Es ist auch dort in Sibirien sehr heiß. Selbst der Flug für morgen, den ich vorsichtshalber herausgesucht hatte, war zu spät. War das Thema damit erledigt? Können Sie sich die Schwester vorstellen...? Sie hat ihren Vater gern. 
Heute noch fliegen?! Es war schon fast Mittag. "Last-Minute-Tickets" habe ich hier in Saratow noch nicht erlebt. Überhaupt gab es fast keine Plätze mehr, besonders in der ersten Maschine bis Moskau. Ich habe, ohne jemandem den Preis zu nennen, gekauft: Abflug 18.00 Uhr, Ankunft 5.55 Uhr. (Die dann noch ausstehenden 200 km wird sie von Bekannten im Auto geholt.) Ebenso ungenannt, kamen hier die Freunde und stillen Wohltäter ins Spiel, die mir vertrauen, wenn sie etwas zur freien Verfügung geben. - Wenn es dringend nötig war, hat es bisher immer gereicht. Dafür kann ich nicht genug danken. 
Morgen nachmittag 14.00 Uhr (in Deutschland 10.00 Uhr) ist die Beerdigung, ohne Priester, Hunderte Kilometer von der nächsten Pfarrei entfernt. Wird die Schwester die Einzige sein die weiß, wie man betet? Am Nachmittag feierte ich das Requiem für den heute Verstorbenen, mit seiner Tochter... Die nächsten Tage wird sicher keins sein. Wie alt der Vater war, fragte ich noch. "So alt wie Sie", antwortete mir die Schwester. Er war getauft, wie so viele in Russland. Dass er gut gewesen sein muss, dafür ist seine Tochter ein zweifelloser Beweis.