Sonntag, 2. August 2015

Gott und Stepnoje

Weil die Autos nach Sibirien morgen früh sehr zeitig abfahren, hatte ich dem Pfarrer angeboten, heute nachmittag seine Außenstelle Stepnoje zu übernehmen. Sehr gern fuhr ich die 46 km von Marx in jenes tatsächlich in trockener Steppenlandschaft gelegene Dorf, um dort eine heilige Messe mit den Leuten zu feiern, denn "Stepnoje" - das ist ein Dorf, in dem Anfang der 90-iger Jahre mit deutschen Mitteln 84 Wohneinheiten zu den bestehenden, vielleicht 10, Häusern dazugebaut wurden, hauptsächlich um Flüchtlingen aus den Bürgerkriegsregionen der ehemaligen UdSSR eine neue Heimat zu geben. Die Leute hatten keine Wahl, und auch keine Ahnung... Viele Familien aus Duschanbe verschlug es hier, also aus der Stadt, in der ich heute vor 25 Jahren ankam, um zu bleiben. Ich hoffte, einige von ihnen zu sehen, was letztlich auch gelang. 

In der Predigt erzählte ich, wie das war, vor 25 Jahren als ich ankam. Gemeinsam meditierten wir über Höhen und Tiefen im Leben, und darüber, wo eigentlich Gott ist, wenn es mir - milde gesagt - nicht so gut geht. Stepnoje ist ein ganz armes Dorf. Viele der hier her Gekommenen waren oder wurden zu Alkoholikern. Die Hoffnungslosigkeit stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Manche habe ich beerdigt. Jetzt scheint sich "die Lage" ein wenig beruhigt zu haben. Wenn man jedoch genauer hinschaut, dann hat sich äußerlich nicht viel verändert, sondern die, die noch da sind, sind innerlich fester (stärker oder auch stumpfer?) geworden. Zu den beiden Frauen auf dem Foto: Beide stammen aus Duschanbe und sind als Flüchtlinge im Krieg nach Stepnoje gekommen, Tausende Kilometer, quer durch die gerade zerfallende Sowjetunion. Erst hier begann ihr Weg zur und mit der Kirche. Links: Valentina. Eine Zeitlang hatte sie Arbeit im deutschen Kulturzentrum des Dorfes. Ihre Tochter ist Ordensschwester geworden. Für den 8. September sind ihre "ewige Gelübde" geplant. Das wird ein Fest bei uns in Saratow. Rechts: Alexandra. Mutter von drei Kindern. Als sie mit ihrer Familie zu uns kam, war sie gerade mal 8 Jahre alt. Vor nicht allzu langer Zeit haben wir ihre Mutter begraben. Eine mutige junge Frau. Sie hat die Schlüssel unseres Kirchleins in Stepnoje.