Sonntag, 20. September 2015

Das Wort Gottes und die einfache Wirklichkeit

Eigentlich war das Auto als Ersatzteilspender gekauft, "aber es rollt noch", sagt die Schwiegertochter des Besitzers. Es steht hinten im Hof, unweit der Kuh, die wir der Familie mit Osnabrücker Hilfe (s. "Eine Kuh für Marx") schenken konnten. Ein wenig scheint es auch als Spielplatz zu dienen. Mein Besuch bei den Leuten hing mit der heutigen Sonntagsmesse zusammen. In Vertretung des Marxer Pfarrers, feierte ich am Morgen den Hauptgottesdienst mit der Pfarrgemeinde in der Stadt. Nach dem Mittagessen übernahm ich die Außenstation Stepnoje. Und dort wurde ich anschließend zum Tee eingeladen, eben in jene Familie mit der Kuh und dem alten Auto. Die Mutter von inzwischen drei Kindern (von 15 bis 6 Jahren) ist mir seit über 20 Jahren gut bekannt. 1992 oder 93 kamen sie als Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg in Tadschikistan ins Gebiet Saratow, in ein abgelegenes Dorf, 48 km von Marx entfernt. "Hätten Sie uns damals nicht angezogen und uns zu essen gegeben, - niemand hätte sich um uns gekümmert", sagte sie heute dankbar zurückblickend auf jene Jahre. Sie war ein aufgeschlossenes Schulkind in einer der ersten Klassen, sprach russisch und deutsch. (Die deutsche Großmutter war eine jener starken Frauen, die den Glauben und die Muttersprache durch Jahrzehnte der Verfolgung getragen und weitergegeben hatten. - Vor ein paar Jahren habe ich sie beerdigt, bei unter minus 30 Grad. Ich erinnere ich mich.) Weder die junge Mutter, noch ihr Mann haben Arbeit. Von Zeit zu Zeit, selten, ergeben sich Möglichkeiten, irgendwo mit Hand anzulegen. Und dann ist da eben die Kuh ... Das erste Kälbchen hatte die Familie an eine arme Frau verschenkt, deren Kuh ein totes Kalb geworfen hatte, und die darum in eine existenzielle Krise geraten war. "Wir wollen nicht klagen. Anderen geht es schlechter als uns", sagte sie nach einem Schluck Tee, während sie ihre Tasse auf das neue, schon Farbe verlierende Wachstuch zurückstellte. Zum Wegziehen bräuchte man Geld. Die Familie weiß, dass das unrealistisch ist und spart, um im Frühling ein kleines Gewächshaus einrichten zu können, dort in der Steppe. Zum Verabschieden kam die kleine Tochter mit auf die Straße. Ich hörte, wie sie ihre Mutter anbettelte, doch noch ein wenig mit ihrer Freundin spazieren gehen zu dürfen. Die mehrmalige Antwort war streng. Ich hörte nur "nein" und "Hausaufgaben".  Als ich dann jedoch mit dem Auto wendete, um heim zu fahren, sah ich die beiden Schulmädchen garade noch fröhlich davonspringen. Hatte sich Mamas Herz doch noch erweichen lassen.
Zusammenfassung: "... Friedlich, freundlich, voll Erbarmen, reich an guten Früchten ..." War das heute nicht die Lesung aus dem Jakobusbrief?