Mittwoch, 30. Dezember 2015

Fröhliche Weihnacht - (nicht) überall

Weil wir im Advent keine Weihnachtsfeiern haben, häufen sie sich jetzt da, wo sie wirklich hinpassen, in der Oktav zwischen 25. Dezember und 1. Januar. Heute z.B. waren die Saratower (Priester und Schwestern) nach Marx ins Kloster eingeladen. Wegen eines Rohrbruchs in einer Etage über unseren neuen Räumen in Saratow, die wir im Januar endlich beziehen wollen, kamen der Generalvikar und einige Schwestern zu spät. Wir hatten mit einer Stunde Gebet in der Kapelle begonnen, bevor zum Mittagessen geladen wurde, dem eine fröhliche Runde diverser Spiele folgte, hilfreich für die kunftige Seelsorge. Den Kaffee gab es, während wir Weihnachtslieder in unseren Muttersprachen sangen. 

Auch an solchen Tagen gehen mir jene nicht aus dem Kopf, an deren Sorgen ich in letzter Zeit auf irgendeine Weise Anteil nehmen durfte. Ein Stückchen Traurigkeit trage ich zum Beispiel mit mir herum, seit ich einige unserer heranwachsenden Jugendlichen neulich im Dunkeln auf einer Fernstraße im Auto hatte. An einem bestimmten Abzweig sollte ich anhalten. Dort würden zwei von ihnen aussteigen und von den Verwandten abgeholt, denn es sind von da aus noch 16 km in absolut dunkler Nacht an einem Kanal entlang bis in ihr Dorf. 40 km vor der besagten Stelle bekam die eine der beiden einen Anruf ihrer Mutter, dass niemand kommen könne. Ich gab mir nicht Mühe zuzuhören, schnappte aber ungewollt das eine oder andere Wort auf. Das Mädchen war enttäuscht und sprach ernst mit seiner Mutter. Wenn ich die Situation richtig verstanden habe, waren zu Hause wieder alle betrunken. Nach dem Telefongespräch war es totenstill im Auto. Der Schmerz der Kinder lag in der Luft. Nach 20 Minuten Schweigen, wandte sich die Kleinere der beiden an mich, ob sie mich etwas fragen dürfe, … „Natürlich“, gab ich zur Antwort. Ob ich sie bis nach Hause bringen könne, wollte sie wissen. Ich hatte das im Stillen sowieso schon geplant. Benzin war noch genug im Tank. Wir Bogen ab und kamen schließlich in das Dorf. Kaum Licht irgendwo, aufgegrabene Straßen, Schmutz. „Hier gibt es nirgends Weihnachtsbeleuchtung“, stellte die Dritte verwundert fest. Durch teichgroße Pfützen und Schlaglöcher näherten wir uns dem Haus, in dem die (fast noch) Kinder wohnen. Es ging an der ehemaligen Kirche vorbei. Heute „Kulturhaus!“ Kultur…! Drin flackerten dunkle Scheinwerfer. „Die Diskothek ist die einzige Veranstaltung, die es im Dorf gibt“, sagte mir eine der drei. Im Scheinwerferlicht tauchten rauchende Jugendliche auf, die gedrängt wie Schafe bei großer Hitze zusammen standen. Ob das wohl nur Zigaretten waren, die sie da rauchten, fragte ich mich. Auch zwei Autos standen vor der „Kirchentür“, eins davon sehr teuer. Ich wollte gar nicht weiter denken. Dann kamen wir in den Hof, der von vier zweistöckigen, langen Häusern gebildet wird. „Hoch genug“ und „Allrad“ – so kam ich durch den Schlamm bis vor die Haustür der ersten Jugendlichen. „Haustür!?“ – eine rohe Spanplatte mit einem Loch, da wo die Klinke sein könnte. Es wäre hier stockfinster gewesen, wenn ich das Licht am Auto ausgemacht hätte. Dann leuchtete ich der Zweiten in Richtung ihres Eingangs. Die Jugendlichen verschwanden in den dunklen Treppenhäusern. Ich kann mir nicht bis zum Schluss vorstellen, was sie zu Hause erwartete.