Sonntag, 20. Dezember 2015

Vorfreude

Es könnte eine typische Diasporaerscheinung sein, hat aber auch sicher mit der spezifischen Situation Einzelner und insgesamt der in Russland zu tun: Nach der Sonntagsmesse eilen die Leute bei uns nicht nach Hause. Ein paar Jugendliche, die wußten, dass ich mich heute für einen Tag in Marx zurückgezogen habe, riefen mich noch drei Stunden nach Ende des Gottesdienstes vor's Haus, damit ich ihren Schneemann bewundere. Das Rot sei echter Lippenstift, wurde mir von den kleinen Damen erklärt, die in dieser Woche vielleicht zwei Tage weniger zur Schule gehen werden als die anderen, weil bei uns Weihnachten gefeiert wird. - Schon die Bitte um Freistellung vom Unterricht wird ein kleines christliches Zeugnis für die Schülerinnen und Schüler sein. (In Russland wird noch bis zum 31. Dezember gearbeitet und gelernt. Dann aber folgen 10 freie Tage, einschließlich Weihnachten, nach julianischem Kalender, am 7. Januar.)
Ich habe mich inzwischen wieder ins "Haus der Stille" zurückgezogen, um an meinem Weihnachtsbrief in die Pfarrgemeinden zu schreiben. Mir stehen Leute vor Augen: im Kaukasus, in Großstädten, in den Dörfern des Uljanowsker Gebiets, in Sotschi, in Alexejewka, ... 
Noch etwas Schönes: Ich hatte in diesem Jahr nicht eigens um Weihnachtspäckchen für bedürftige Familien gebeten, wie ich das vor einem Jahr getan hatte. Manche aber erinnerten sich trotzdem dran. Eine deutsche Familie zum Beispiel, die zurzeit in Saratow wohnt, hat Päckchen gepackt: Lebensmittel für vier Familien und außerdem Kinderspielzeug - einzeln verpackt, das wir an jene weitergeben können, für die es am besten passt. Gestern brachte ich alles nach Marx, wo es nun nur noch vier Tage dauern wird, bis alles seine endgültigen Empfänger findet.