Dienstag, 19. Januar 2016

Von fröhlich bis bedrückend - alles dabei

Br. Karl-Emmanuel (l.o.), P. Laurent (r.o.),
die Schwestern von Mutter Theresa (l.u.), P. Baudoin (r.u.)
Meine erste Pastoralreise im neuen Jahr ist zu Ende. Die Stunden mit den Kindern in Blagoweshenka zählten zu den schönsten, auch wenn mir bewusst war und ist, warum es die Kinder so in die Kirche zieht. Dort erleben Sie Familie, zu Hause nicht. Das wunderbare Zeugnis der Schwestern von Mutter Theresa beeindruckt tief. "Was ihr FÜR EINEN dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan." Jenes Wort Jesu leben sie, besonders in Bezug auf Alkoholiker, die von ihrem Leben zum Tode verurteilt sind. Es gab Rückschläge in der letzten Zeit, Rückfälle. Aber die Schwestern tun nichts für Statistiken und Erfolgsmeldungen. Sie suchen und sehen Jesus in den Ärmsten. Das ist alles. Pater Laurent, der Pfarrer aus Orleans, ist nun schon 10 Jahre hier. Er hat ein besonderes Gespür für die Arbeit mit nichtchristlichen Akademikern und weiß viel über die Geschichte und die Religionen der Kaukasusregion. Bruder Karl-Emmanuel ist seit Jahren Diakon. Wir hoffen nicht nur auf seine Priesterweihe, sondern darauf, dass sie bei uns im Bistum gefeiert werden darf. Pater Baudoin, der studierte Landwirt aus Belgien, ist der väterliche Hausobere der Gemeinschaft in Nalchik. Trotz schwerster Krankheit ist er über Weihnachten wieder für ein paar Wochen nach Russland gekommen. Wenn er bald zu weiteren Behandlungen ausreist, dann nur, um später wieder hier sein zu können. Er hat das Land und die Menschen sehr gern.
"Hab mein Wagen voll gelade, ...:"
Bruder Karl-Emmanuel, seine Volontäre und die Kinder
Mir haben die Jugendlichen gefallen, die sonntags als Volontäre mit ins Dorf fahren und mit den Kindern dort den Tag verbringen. Im gleichen Dorf, das 8 km lang ist und aus drei parallelen Straßen besteht, kenne ich nun auch eine Frau, Mitte 60, die seit zwei Jahren bettlägerig ist. Nicht zum ersten Mal begegne ich einem solchen Mutterschicksal, Wer macht zu Hause Ordnung, wenn nicht sie? Ist es vielleicht nur ein Mangel an Untersuchungen und medizinischer Hilfe, dass sie nicht mehr zu Kräften kommt? Was kann man dem Sohn helfen, der trinkt? Innerhalb weniger Minuten türmen sich bei solchen Besuchen bedrückend stille Fragen, die oft ohne Antwort zurückbleiben, wenn ich - der Gast - das Haus verlasse. Meinen Rosenkranz aus Fatima habe ich ihr gelassen. Ich will mir Mühe geben, sie nicht zu vergessen. Ein paar Hoftore weiter hielten wir noch einmal an. Pater Laurent wollte mich einer weiteren Großmutter vorstellen, die ihre Enkeltochter erzieht. Beim Eintritt auf den schlammglatten Hühnerhof blickte ich auf das Haus, der Pater aber schritt mit mir zum - ich hätte gesagt - Stall, denn da wohnt die Frau. Als ihr einige Helfer aus der Pfarrgemeinde ihr "Zimmer" renovieren wollten, brach die Wand ein. Nun ist da notdürftig etwas zusammengezimmert. Das Asbestdach ist nicht dicht. Sie schläft mit der Enkeltochter (14) auf (hier sagt man "auf") einem kleinen Bett.
Muttersprache
Von der dritten Großmutter nur noch kurz: Im Nachbarort, 93 Jahre alt, liegt sie seit einem Jahr. Die Enkeltochter kümmert sich um ihre Großmutter, die aus der Saratower Gegend stammende Wolgadeutsche. Wir sprachen und beteten deutsch miteinander. Muttersprache, für die Frau, vielleicht zum letzten Mal im Leben, hier.
Vieles, von dem, was ich mit solchen Zeilen andeute, ist es wert, konkreter erzählt zu werden, aber nicht hier, wo es nur zwischen den Zeilen steht, und in meinem Gedächtnis. Bei den Ärmsten habe ich es nicht fertig gebracht zu fotografieren, ähnlich, wie ich über die Lebensverhältnisse mancher Kinder nicht schreiben kann.
Mein Besuch in Kabardino-Balkarien war es dem größten Sender der Republik wert, davon zu berichten. Etwa von der 11. bis zur 14. Minute der Sendung gibt es einen kleinen Bericht über vorgestern, gesehen mit den Augen des staatlichen "Ersten Kanals". Auch wenn solche Nachrichten - kirchlich gesehen - nicht sehr informativ sind, lassen sie doch wissen, dass es uns gibt. Das ist gut und wichtig. Unter anderem hat das katholischen Christen, die seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr zur Kirche hatten, geholfen, die Adresse und den Weg zu finden.