Freitag, 25. März 2016

Karfreitag wie nie

Statt in der Kathedrale, habe ich die Karfreitagsliturgie in einer kleinen, priesterlosen Gemeinde 200 km südlicher gefeiert. 12 Erwachsene waren gekommen. "Lohnt sich das?" werden sich einige fragen. L-o-h-n-t sich das? Fragen Sie sich ruhig. Der Gottesdienst hatte eine Besonderheit, nur davon will ich kurz erzählen. Nein, nicht die vielen liturgischen Unterschiede zur heiligen Messe! Wir hatten ein Problem: Der Schlüssel vom Tabernakel war verschwunden, von dem Ort, an dem die Eucharistie (die heilige Kommunion) für heute aufbewahrt wurde. Karfreitags gibt es ja bekanntlich keine heilige Messe, nirgends. Aber zur Liturgie gehört trotzdem die Möglichkeit zum Kommunionempfang. - Klar, wo das Problem lag? Zum ersten Mal im Leben blieb mir nichts anderes übrig, als den Gottesdienst ohne Kommunion zu zelebrieren. Dementsprechend hatte ich die Predigt umgestellt auf das Thema "Ab- und Anwesenheit Gottes". Anschließend erklärte ich, was mit "geistlicher Kommunion" gemeint ist, was für die Älteren, die jahrzehntelang ohne Sakramente durchgehalten hatten, nur eine Art in-Erinnerung-rufen war. Besonders freuten sich die Gläubigen über die zumindest 300 Jahre alte (damals beglaubigte) Kreuzreliquie, die ich vor zwei Jahren vom Pfarrer in Simplon geschenkt bekam, und die ich heute nach Kamyshin mitgebracht hatte.
Ich persönlich hatte heute auch eine besondere Freude: Als ich mit unserem Seminaristen Wjaczeslaw gegen halb vier in der Kamyshiner Kirche eintraf, beteten dort zwei Frau, die aus dem Nachbarort (20 km) gekommen waren, den Kreuzweg. Ich hörte, lauschte, ... Ja, wirklich! Die beteten in Deutsch! Ich dachte, die wären schon alle ausgewandert!
Und eine ernstere Erfahrung des Abends: Die Straße von Kamyshin nach Saratow ist teilweise in einem sehr schlechten Zustand. Löcher, (Gruben!), keine Fahrbahnmarkierungen, Schlamm an den abschüssigen Rändern usw. "Hier fährt unser Pfarrer jeden Sonntagnachmittag hin und nachts zurück. Auch er wird mal müde. Gefährlich", dachte ich so bei mir.