Samstag, 9. April 2016

Barmherzigkeit konkret


Sogenannte "Hausbesuche" sind ein Teil der praktischen Seelsorge, den der heilige Clemens Maria Hofbauer (+1820), mein Namenspatron, sehr geschätzt hat. Schon bevor ich das wußte, hatten sie auch für mich Bedeutung, angefangen bei den Kindheitserfahrungen im sächsischen Großweitzschen, wo wir im ganzen Dorf die einzige katholische Familie waren und die Döbelner Kapläne manchmal vorbeischauten, bis hin zu den Jahren vor meiner Bischofsweihe. Dann wurden sie seltener, meine Besuche in Familien, obwohl sie auch mir immer wieder gut tun. Für heute hatte mein Kalender einen diesbezüglichen Eintrag. Nicht nur um aufwendige Mahlzeiten für die sicher nicht reichen Leute zu umgehen, hatte ich 16.00 Uhr vereinbart. Doch das hielt die Hausfrau nicht davon ab, ein Mittagessen zu servieren, bevor es Tee und Torte gab. Die Marxer Familie hat seit einigen Wochen ein zweites Kind, jedoch nur auf Zeit. Das Mädchen, das keine Eltern mehr hat, lebt in Sibirien beim Onkel, der nicht in der Lage ist, die nötigen medizinischen Behandlungen zu veranlassen, damit die Kleine gesund heranwachsen kann. Darum haben sie sie geholt. Es ist eine Lawine von Papier- aber auch Finanzaufwand, den die barmherzigen Eheleute da heraufbeschworen haben. Ihre Tochter jedoch scheint sehr zufrieden damit, nun eine Spielgefährtin zu haben. Über viele Ecken sind die beiden verwandt.