Montag, 4. Juli 2016

Die Zeit, sie eilt dahin. Wir halten nichts in' Händen.


Tage wie heute, hinterlassen ein Gefühl von Beschämtheit, das ganze Gegenteil von Stolz. Wem will man das erklären: Den größten Teil meiner Zeit hat heute die Suche nach einem Ersatzreifen eingenommen. Am Morgen wollte ich unsere französischen Gäste in der Kathedrale besuchen. Doch dort war es muksmäuschen still. Die Armen sind kaputt von den Nächten im Zug und den täglich heißer werdenden Tagen. Ich habe nicht gewartet, bis sie aufstanden, erledigte zwei-drei Sachen im Büro und eilte zum Notar. Ich brauche Bescheinigungen, die nur dort ausgestellt werden. Ich versuchte es an verschiedenen Stellen. Die Warteschlangen waren stundenlang. Auch da konnte ich nicht warten, denn ich brauchte dringend einen Ersatzreifen. Morgen geht es auf eine 1000-km-Tour. Das gestern seitlich geplatzte Vorderrad ist irreparabel. Kein Reifenhändler hatte die Größe, die ich suchte. In Engels bot mir einer einen bis auf 1 mm abgefahrenen Reifen an, den ich am Abend schließlich nahm. Weder in Marx noch in Saratow fand ich, was ich brauchte. Eine Bestellung konnte ich aufgeben. Wartezeit: 10 Tage. Hätte ich nicht jemand anderes nach dem Reifen schicken können? - "Kommt und seht!" 
Heute vormittag hat eine jungen Frau ihr ungeborenes, schon vier Monate altes Kind verloren. Ich weiß nicht den Grund. Ich kenne sie noch als Kind und weiß, dass sie sehr, sehr arm ist. Wenn Kirche Familie ist, nimmt man das nicht hin wie eine von vielen Nachrichtensendungen. Noch gestern hatte ich ein paar Minuten neben ihr gesessen und im Gespräch gedacht, man müsse ihr helfen. 
Auch ist heute ein Jahresgedächtnis. Am 4.7.15 war der Vater einer unserer Ordensschwestern ganz plötzlich verstorben. Ich erinnere mich, wie sie mir auf die Frage nach seinem Alter antwortete: "So alt wie Sie." Und wieder der Gedanke an Kirche als Familie. Jene und diese tun mir von Herzen leid. Und für beide danke ich. 
Am späteren Abend starte ich meinen zweiten Anlauf zu den französischen Pilgern. Und in meinen Terminkalender muss ich dann trotz allem noch mal schauen. Ungemolkene Kühe kann man ja auch nicht bis zum nächsten Tag stehen lassen.