Mittwoch, 20. Juli 2016

Vaterunser und Pilatus

Als die kleine Schweizer Maschine namens Pilatus langsam an Höhe gewann, wußte ich, dass nun 90 Minuten Ruhe vor mir liegen, so wie die Wolken, in die wir uns unmerklich hüllten. Beten ist in solchen Momenten leicht, nein, nicht aus Angst vor der Fallgeschwindigkeit, über die der Pilot vor dem Start auf Anfrage hin scherzte. Es ist was dran, an der Freiheit über den Wolken (Reinhard Mey). Es war - ohne falsche Vorstellungen von Mystik -, als ob ich mich mit Gott da (hier) oben nach langer Zeit an einen Tisch setzte und ihm das Vaterunser ans Herz zu legen begann, Satz für Satz, als ob es meine Worte wären. (Manchmal sagen Katholiken, dass sie mit den "alten Formeln" nichts anfangen können und lieber mit "eigenen Worten" beten.) Da es ein Gebet ist, das uns Jahrzehntelang begleitet, ist es gefüllt mit "Inhalten", die in ruhigen Minuten schnell auftauchen: Was verband ich mit dieser und jener Bitte, als ich im Vorseminar studierte? Was, als ich Pfarrer in Marx wurde? Was ist geblieben? Wie schön ist es, sagen zu dürfen "dein Wille geschehe" (Zusatz: "und kein anderer")! Wie überaus sinnvoll ist es zu wünschen: "Dein Reich komme!"
Die Kabine des Piloten ist offen. Im flachen Winkel nähern wir uns Kazan. Wolodja wird mich abholen. Seit 20 Jahren hilft er in der Pfarrei, besonders als Chauffeur auf Kurz- und Langstrecken. 
P.S. Pater Alfredo und Maxim haben mich abgeholt. Als ich aus der "Pilatus" ausstieg, landete gerade die Maschine des Patriarchen. Erst als er in Richtung Stadt gefahren war, wurde die Straße auch für uns andere wieder freigegeben. Er ist eine der wichtigsten Personen Russlands. Morgen gehe ich hin, wenn Patriarch Kyrill den Grundstein für das früher erwähnte Kloster legt. Wir freuen uns mit.