Sonntag, 23. Oktober 2016

Belogorskoe

Ein Ausflug am Sonntagnachmittag, das kommt im Schnitt seltener als einmal im Jahr bei uns vor. Heute bot sich die Gelegenheit. Und als die drei Schwestern, die mit mir in Saratow arbeiten, kurz vor 14.00 Uhr von ihren Katechesen und Gruppenstunden im Anschluss an die Sonntagsmesse nach Hause kamen, sprangen wir förmlich ins Auto, denn das Dorf, das wir anschauen wollten, lag 95 km südlich von Saratow. Sonnenuntergang war für halb fünf angekündigt. Außerdem ist Schnee im Anzug. Dann würde wir nicht mehr in das Dorf kommen. 


Belogorskoe (annähernd wörtlich übersetzt: Weißenberg) liegt an der Wolga, nur 10 km neben der Fernverkehrsstraße Saratow-Wolgograd, aber eben diese 10 km haben's in sich: grober, spitzer Schotter und Lehm... Mich interessierte, was ich über das Dorf gelesen hatte: Vor 100 Jahren gab es dort 560 Höfe mit insgesamt über 2.000 Einwohnern. Heute leben nur noch 60 Menschen im Ort. Das Dorf stirbt aus. Keine Straßen - keine Transportmittel - kein Gas (geheizt wird demzufolge mit Holz; gekocht, doch wohl elektrisch). Im 17. Jahrhundert siedelten sich hier Bauern an, die ihren Fronherren davongelaufen waren. Schiffe von weit her legten bald darauf hier an, um bei den Bauern Bastschuhe zu kaufen. Die nötigen Pflanzen für die Herstellung gab es in Hülle und Fülle. Von einem später errichteten Alabasterwerk steht nur noch der Schornstein. Interessant sind die Rest einer orthodoxen Holzkirche, sehr ähnlich den damaligen Kirchen der Wolgadeutschen. Aus Belogorskoe stammt der zweifache Held der Sowjetunion Skomorochow, der im Zweiten Weltkrieg Pilot war. An der Wolga erinnert eine Denkmal mit einem Kampfflugzeug von damals an die Gefallenen. Aus diesem Dorf waren über 100 Männer eingezogen worden. Die Wenigsten kamen zurück. Die Dorfschule, die als solche nicht mehr gebraucht wird, hat ein Lehrer zum Museum gemacht. Bis zur Stepan-Rasin-Klippe schafften wir es nicht mehr. Es wurde schnell dunkel und begann schließlich auf dem Heimweg zu schneien.