Dienstag, 2. Januar 2018

Neue Sichtweise

Heute haben wir "die Ruhe nach dem Sturm". Die große Neujahrs-Feierwelle ist abgeklungen. In Engels und Saratow herrscht Totenstille auf den Straßen. Nur zwei Polizisten am Straßenrand machten heute Morgen einen äußerst lebendigen Eindruck. "Machen Sie mal so", forderte mich der eine auf, und wedelte mit der Hand auf sein Gesicht zu. ("Anhauchen!" - bedeutet das.) "Nochmal!" - war der zweite Teil seines Dialogs. Und im dritten wünschte er ein gutes Neues Jahr. 
Unter meinen Weihnachtsgeschenken ist ein besonderes. So unpassend das klingen mag: Es glänzt vor Armut. Eine noch junge Mutter, die als Kind zu meinem Religionsunterricht kam, und die inzwischen allein drei Söhne erzieht, hat es gebastelt. Die Frau bringt keine 45 kg auf die Waage, vermute ich. Sie und ihre Kinder wissen, was Hunger ist. Das um die quadratische Schachtel gehüllte, gelbe Tuch ist mit einem Weihnachtswunsch beschrieben. Ein Stück Weihnachtsserviette und die abgeweichte obere Schicht zweier Fotos bilden die Verzierung. Innen: Eine Christbaumkugel, bemalt und beklebt, an einem Gummi aus dem Nähkästchen. - Alles irgendwie wie aus dem Museum einer anderen Zeit. 
Mein erstes dienstliches Gespräch im neue Jahr habe ich heute Mittag. Ein dritter mexikanischer Priester ist zu uns ins Bistum gekommen. Er nutzt die Ferien, um dieser Tage seinen Antrittsbesuch bei mir zu machen. Vorerst studiert er die russische Sprache an einer der Universitäten in Ufa und wohnt beim Pfarrer. Wenn es mit der Sprache gut geht und er auch ein Gefühl für die von seiner Heimat verschiedene Mentalität entwickelt, wird er eines Tages selbst Verantwortung in der Seelsorge übernehmen können. 
Es heißt manchmal, dass wir als Christen immer versuchen sollen, Christus im anderen zu sehen. Oft scheint mir das nicht so einfach, aber mit Christus auf die anderen schauen, das geht. Sowohl ich zu ihm, als auch er zu mir, sagen dann in etwa: "Eh, schau' mal!" Und das ändert die Sichtweise, zum Besseren. Den Befehl des Uniformierten kann ich lächelnd ausführen. Die Christbaumkugel der jungen Frau kann ich zu ihren Gunsten versteigern. Den mexikanischen Priester ... gehe ich mir jetzt anschauen, gehen wir uns jetzt anschauen.