Montag, 18. Juni 2018

Stille im Lärm

Morgen ist der letzte Tag unseres Exerzitienkurses in Krasnodar. Für den täglich dreimaligen Weg vom Pfarrhaus zum "Kloster" brauche ich inzwischen je 12 Minuten. Ein Weg der Kontraste... Jeden Morgen kommt mir zum Beispiel ein alter Bus mit jungen asiatischen Arbeitern auf dem Weg zur Baustelle entgegen, die alle noch schlafen. Vorn auf der Ablage neben dem Busfahrer liegen Arbeitsschutzhelme und drei Paletten Eier. Jeden Morgen. Auf der vierspurigen Straße, an der ich dann entlang laufe, dröhnt Musik aus Autos mit verschlossenen Scheiben. Schwere Motorräder quetschen sich rasant heulend zwischen durch. Rad- und Autofahrer, sowie die allermeisten Fußgänger hören Musik oder telefonieren. Die Fußgängerampel blinkt und piept schon hastiger, wenn man gerade mal die Mitte der Fahrbahn erreicht hat. Hüben: Eine Hochhausfront, nie unter 16 Etagen, meist schon bewohnt - drüben, plötzlich, Ruhe. 
Sobald man in die Straße zu den Schwestern einbiegt, scheint alles wie im Dorf. Der Schotter unter den Schuhsohlen knirscht. Morgens Katzen, abends Hunde. Holzfassaden, künstlerisch gestaltete Hausnummern, Autos am Wegrand, die längst nicht mehr fahren, Kirschbäume, unter denen Passanten stehenbleiben, pflücken und essen. Dann die Klingel, Schwester Amas, die herzlich, aber schweigend öffnet und grüßt, bevor es in ein Haus voller Stille geht. Mir, der die Exerzitien begleitet, tun sie sehr gut. Ich hoffe, auch den Schwestern. Wie wichtig ist es heute, still sein zu können! Dass Kirche mancherorts zu einem Verein degradiert, hat (zumindest unter anderem) mit diesem Unvermögen zu tun. Nun möchte ich aus dem Eintrag keinen Vortrag machen. In fünf Minuten bin ich wieder auf oben besagtem Weg.
P.S. Die Bilder sind abends aufgenommen, nichts morgens.