Montag, 7. Januar 2019

Weihnachten und ein Schimmer von Ostern

Ich hatte gestern Abend versprochen, heute einem Mann die Krankenkommunion zu bringen, als mir seine Frau auf's Handy schrieb, dass sich sein Zustand verschlechtert hätte. Kurz nach 9.00 Uhr betrat ich das Treppenhaus, gegenüber diesem Gebäude hier (Foto). Das sind Wohnungen im Stadtzentrum von Marx. Man kann sich leicht vorstellen, dass sich etwas Wohlhabendere etwas anderes aussuchen, als diese Kreisstadt an der mittleren Wolga. Als Tisch zum Ablegen der Burse (Tasche mit der Krankenkommunion) diente ein Stühlchen neben dem Sofa des Kranken. Ein Bett gibt es nicht in der Einzimmerwohnung. Das Ehepaar ist im Besitz einer Kerze, einer zudem ganz besonderen: Vor vielen Jahren scheint sie Osterkerze in der Kirche gewesen zu sein. Der inzwischen dunkelbraune Stumpf und ein letzter Rest der Verzierung deuten darauf hin. Die Frau stellte die Kerze in ein sauberes Marmeladenglas. An einen Kerzenständer ist nicht zu denken. Dann beteten wir im ärmlichen Schein der Osterkerze, heute, am orthodoxen Weihnachtsfest, (das die Russisch-orthodoxe Kirche nach dem Julianischen Kalender feiert): "Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach. Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund." Wir glauben, dass die heilige Kommunion, das Sakrament der Eucharistie, dieses Wort ist: "Das Wort ist Fleisch geworden", Jesus Christus. (Siehe: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott. Und das Wort war Gott." Joh 1,1) Es war Weihnachten und Ostern zugleich, heute Morgen in der kleinen Wohnung, die sich die beiden Eheleute rechtzeitig kaufen konnten, nachdem sich endlich ein Käufer für ihr Haus und Land in einem fernen Dorf gefunden hatte.