Mittwoch, 20. Januar 2021

Ökumene im Kleinen

Für heute Abend hatten wir uns mit der evangelischen Gemeinde in Saratow zu einem kleinen Gottesdienst in deren Sankt Marienkirche verabredet. Für die Predigt gab man mir den Abschnitt aus dem Johannesevangelium vor, den wir das Hohepriesterliche Gebet Jesu nennen (Johannes 17). Im Foyer gab es anschließend heißen Tee für alle, was bei der derzeitigen Kälte vor dem Nach-Hause-Weg gern angenommen wurde. Im Bewusstsein der Weltgebetswoche um die Einheit der Christen, fühlten wir uns als eine kleine Flamme im Lichtermeer vieler Gebete.

Dienstag, 19. Januar 2021

Sitzungstag

Mit den Bildschirmkonferenzen ist es (immer noch) nicht so einfach. Am Morgen spürte ich, dass eine bessere Moderation nötig wäre, eine, die nicht in meiner Hand liegt. Jetzt am frühen Abend brach die Verbindung mitten im Gespräch zusammen. Bis auf einen, haben wir anschließend alle "wiedergefunden" und konnten die Runde zum Abschluss bringen. Das Besondere an der Abendsitzung unserer Bischofskonferenz (Irkutsk ist uns 4 Stunden voraus, Novosibirsk 3) war die Teilnahme des Nuntius. Erstmals trafen wir uns als Bischofskonferenz mit Nuntius d'Aniello, der sein Grußwort in russischer Sprache begann und dann auf Englisch fortfuhr. Die Punkte der Tagesordnung waren vom Besprechungsumfang her eher klein: Übersetzung römischer Texte, Statistik, Gebet für an der Pandemie Verstorbene, Religiöse Kinderwochen 2021, Frühjahrsreffen in Saratow, ... Um 18.04 Uhr endete unsere Sitzung, ein paar Minuten zu spät, um es noch zur Messe in die Kathedrale zu schaffen. In dem Moment hörte ich draußen einen Krankenwagen vorbeifahren. Da fiel mir auf, dass ich diese Sirene schon lange nicht gehört habe. Noch vor wenigen Wochen gehörte sie immer wieder zum Alltag dazu, und man konnte sich denken, um was für Patienten es da geht. Was hat sich geändert?

Ruhe vor dem Sturm

Nein, stürmisch wird es heute nicht, hier im Büro, obwohl zwei Versammlungen anstehen: Am Vormittag treffen ich mich per Zoom-Konferenz mit Seelsorgern aus dem Bistum. Alle sind eingeladen. Wer möchte, kann sich einfach zuschalten. Wir nennen das vorläufig "Auf eine Tasse Kaffee" und haben vor, uns eine halbe Stunde lang zu treffen, auszutauschen, zu informieren, und einfach mal wieder zu sehen. Solange keine direkten Treffen möglich sind, soll das eine regelmäßige Alternative werden. Am späten Nachmittag gibt's dann noch eine kleine Sitzung der Bischofskonferenz. Da sind die Themen konkreter. Die Zeit zwischendurch brauche ich heute für das Ausfüllen von Formularen verschiedener Behörden: Zum einen geht es da um den jährlichen Bescheid an die polizeiliche Meldestelle, dass ich da bin, wovon ich lebe usw., zum anderen um Zollformulare, weil uns jemand gute FFP2-Masken geschickt hat, die vermutlich in Stückzahl und Preis die Obergrenze von kostenloser Einfuhrerlaubnis überschreiten. 

Montag, 18. Januar 2021

Bleibt in meiner Liebe und ihr werdet reiche Frucht bringen (Joh 15, 8-9)

Heute beginnt die Gebetswoche für die Einheit der Christen (18.-25.01.2021), begleitet von einem Wort Jesu, das der heilige Johannes in seinem Evangelium festgehalten hat (siehe Überschrift). Jedes Jahr werden Textvorschläge für die Gottesdienste gemacht, so auch in diesem. In vergangenen Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass - erst recht, wenn wir andere Konfessionen zum "gemeinsamen Gebet" einladen - eine Lese- statt eine Gebetsstunde daraus werden kann, in der jeder seine Rolle übernimmt und "mitspielt". Natürlich wäre das wenig. Manchmal schien es mir sogar sinnvoll, das Gebet um Einheit der Christen auf die Einheit zu Hause zu lenken, selbst wenn alle einer Konfession angehörten. In diesem Jahr (2021) haben wir uns in Saratow geeinigt, uns zweimal mit Christen der evangelisch-lutherischen Kirche zum Gebet zu treffen, am Mittwoch (in der evangelischen Kirche) und am Montag (bei uns). Bei einer gemeinsamen Dienstbesprechung ging es kürzlich auch um weitere gemeinsame Unternehmungen im Laufe des begonnenen Jahres. 
„Beten wir in diesen Tagen einmütig, auf dass sich der Wunsch Jesu erfüllen möge: ,Dass sie eins sind‘ (Joh 17,21). Die Einheit, die immer dem Konflikt überlegen ist.“ (Papst Franziskus)

Sonntag, 17. Januar 2021

Wieder ein Sonntag in Marx a.d. Wolga

Sonntage in den Pfarrgemeinden sind immer eine Freude. Dass die "Ausfahrten" in den letzten Monaten oft nicht über Marx hinaus gehen, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Den Abend beschloss die Haussegnung (20 C+M+B 21) im Kloster. Das Außenthermometer befindet sich momentan im freien Fall. In den letzten Stunden ist die Temperatur auf -27°C gesunken. In Saratow, 60 km von hier, sol es 13 Grad "wärmer" sein. Ich werde mich in einer Stunden davon überzeugen können. 

Alle, die predigen wissen, dass es nicht einfach ist, Aufmerksamkeit für Dinge zu wecken, die nicht von Alltag und Medien diktiert werden. Ich versuchte es mit den zwei Erfahrungen, die in den für heute vorgesehenen biblischen Texten beschrieben sind: Samuel schlief im Tempel, als er gerufen wurde. (1 Sam 3,3ff) Und Jesus am Jordan lädt zwei Schüler Johannes' des Täufern ein, zu sehen wo er wohnt. (Joh 1,35-42) Was hörte Samuel? Was sahen jene zwei Männer? - Hätten wir daneben gestanden, hätten wir vermutlich nichts gehört, bzw. nichts gesehen. Abgesehen davon, dass solche Momente mit Gnade zu tun haben, ist die Fähigkeit innerlich zu erkennen, heute vielmals unterentwickelt, obwohl es da um Wesentlicheres geht. Wieviel investieren wir in die Behebung dieser Mangelerscheinung?

Samstag, 16. Januar 2021

In Gottes Hand

Heute Nacht ist Schwester Genuté (82) in Vilnius (Litauen) verstorben. In den 90-er Jahren bin ich ihr öfters begegnet. Zu meiner Bischofsweihe war sie nach Marx gekommen. Sie war eine der "Dienerinnen Jesu in der Eucharistie", die herzlich, aufmerksam und einfach überzeugten. Wovon? Von ihrem Glauben, von der Liebe Gottes zum Menschen, auch in schweren Zeiten, davon, dass alles einen Sinn hat. 

Bereits gestern Abend hatte ich erfahren, dass sie im Sterben liege, so dass ich sie dankbar in mein Gebet einschließen konnte. Es ist ein Geschenk Gottes, solche Menschen kennen zu dürfen. Der Herr gebe ihr die ewige Ruhe, was ja absolut nichts mit "Zeit verschlafen" zu tun hat. Das hat sie hier nicht getan. Und das wird sie dort ganz sicher nicht tun.

Dienstag, 12. Januar 2021

Der erste Gast 2021

Der eine im Urlaub, der andere im Krankenhaus. So bin ich derzeit der einzige katholische Priester in Saratow im Dienst. Ohne Reisen im Bistum ist das nicht zu viel. Im Grunde steht ja auch Vieles andere still. Leider habe ich den Eindruck, dass wir uns im Bistum im doppelten Sinne des Wortes so langsam aus den Augen verlieren. 
Um so willkommener war da der heutige Besuch des Dekans aus dem Nordkaukasus. 1.200 km im Auto, auf winterlichen Straßen, ohne Übernachtung zwischendurch, müssen natürlich eine Tortur gewesen sein. Gott sei Dank, hatte er einen Fahrer. Die Dinge, über die wir uns austauschten, hätten kaum in eine Zoom-Conference o.ä. gepasst. Morgen früh nach der Messe fährt Pater Raul zurück. Laut Vorhersage erwartet ihn im Raum Wolgograd eine Unmenge Neuschnee, die ihn möglicherweise zu einem mehrstündigen Stopp zwingen wird. 
Pater Raul ist Argentinier. In diesem Jahr werden es 25 Jahre, dass er bei uns in Russland lebt. Er ist einer der zwei ausländischen Priester, die im Bistum Sankt Clemens inkardiniert sind. Mit anderen Worten, er hat keinen anderen "Heimatbischof" als den in Saratow. 

Montag, 11. Januar 2021

Verlängerte Weihnachtszeit

Ab heute wird in Russland wieder gearbeitet. Die arbeitsfreien Tage und Schulferien über Neujahr sind vorüber. Post kommt jetzt stapelweise an, bzw. erstmals bei Familien, die es nie erwartet hätten. Ich meine die Päckchenaktion vom November. Immer noch treffen Päckchen und Pakete ein. Und ich bekomme dankbare Nachrichten, per SMS und hin und wieder auch einmal ein Foto, wie dieses hier. Da ist nochmal Heiligabend! 

Gern würde ich auch Familie Schaa ausrichten, dass ihr Paket angekommen ist, aber ich finde keine Adresse mehr. Mein Computer hat die dumme Eigenschaft, dass er in den E-Mail-Postfächern alles löscht, was älter als einen Monat ist. Ein Fachmann hatte den Fehler in den Einstellungen behoben. Er hat sich aber wieder eingeschlichen. Ostereier suchen könnte ich noch, aber mit dem Internet stehe ich da trotz oberflächlichen Einvernehmens auf Kriegsfuß. 

Sonntag, 10. Januar 2021

Verstand wird Russland nie versteh'n (10)


"Verstand wird Rußland nie verstehn, kein Maßstab sein Geheimnis rauben. So wie es ist, so laßt es gehn. - An Rußland kann man nichts als glauben." (Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew)

Mir kam das Gedicht in den letzten 16 Stunden gleich zweimal in den Sinn. Einmal an einer Saratower Kreuzung, die ich fast täglich überquere. Dort wurden vor einigen Tagen zusätzliche, aber noch nicht funktionierende (Fußgänger-?) Ampeln aufgestellt, die den Autofahrern deren Ampeln wie bei einer totalen Mondfinsternis verdecken. (Foto) Das andere Mal, gestern Abend, als ich einem unerwartet ins Krankenhaus eingelieferten Patienten Zahnbürste, Pyjama usw. brachte. Ich war schon auf dem Heimweg, da erreichte mich der Anruf: Ich hätte das Toilettenpapier vergessen. Hier weiß das jeder, dass man das mitzubringen hat. 

Nun möge dieser Eintrag nicht das heutige Fest der Taufe des Herrn an den Rand schieben. Am Morgen und am späten Nachmittag feiere ich Eucharistie mit der Saratower Pfarrgemeinde. Mit dem heutigen Tag geht die Weihnachtszeit zu Ende. Allen Schriftgelehrten zum Trotz, lassen wir aber die Krippe in der Kirche noch stehen.